Der Bio-Baumwollskandal und die vergessenen Schandtaten in der normalen Produktion

Von am 23. Jan. 2010


Die Vorteile eines Radio-Weckers zur vollen Stunde sind klar. Gleich ein Überblick über die Weltlage und zum Wetter des Tages. Am Freitag schaffte es ein gewaltiger Bio-Skandal in die Acht-Uhr Nachrichten von Radio Bielefeld.

Laut einem Bericht der Financial Times ist ein Drittel der Bio-Baumwolle aus Indien gentechnisch verändert. Das widerspricht natürlich den strengen Kriterien von Bio-Baumwolle und das beschert uns einen handfesten Skandal.

Um es vorweg zu sagen: Das Thema betrifft nicht nur die großen Händler wie H&M, C&A und Tchibo, sondern auch die kleinen Firmen. Ob groß oder klein, zum Zertifizieren ihrer Ware greifen fast alle auf Control Union (Niederlande) und Ecocert (Frankreich) zurück. Das Vertrauen in diese Siegel ist damit natürlich angekratzt. Ich bin gespannt auf die Reaktionen der Naturtextilfirmen wie Living Crafts, die seit Jahren komplett in Indien produzieren. Schützt eine langfristige Zusammenarbeit mit indischen Produzenten und Bauern vor gefälschter Bio-Baumwolle?

Also zurück zur normalen Baumwolle? Bedeutet „bio“ nun gleich genverseucht? Leider wird hier aufgrund eines Skandals ein ganzer Bereich diskreditiert, der eigentlich die einzige Alternative zum konventionellen Anbau darstellt. Es wäre schön gewesen, morgens mit einem aufklärerischen Bericht zur Kinderarbeit in der Baumwollproduktion (ca. 90 Millionen Kinder laut UNICEF), über die Selbstmorde indischer Bauer aufgrund ihrer Überschuldung oder über die katastrophalen ökologischen Folgen des Baumwollanbaus (zum Beispiel in Usbekistan) geweckt zu werden. Obwohl – wirklich schön wäre das nicht am frühen Morgen…

Aber leider schafft es das Thema Baumwolle nur in meine Acht-Uhr-Nachrichten, wenn der deutsche Konsument betrogen wird. Gentechnik in Bio-Baumwolle! Ein Riesenskandal! Betrug mit Bio-Baumwolle!

Es ist doch naiv zu glauben, dass indische Bauer ihre Felder auf Bio umstellen, weil sie einen Mitgliedsausweis der Grünen haben oder es staatliche Förderungen gibt. Nein, sie merken, dass die Nachfrage nach Bio-Baumwolle explosionsartig gestiegen ist, damit lässt sich die hungernde Familie ernähren und es scheint auch für die Umwelt besser zu sein. Aber es gibt auch die Saatgutverkäufer von Monsanto und die werben für ihre gentechnisch veränderten, ertragreicheren und schädlingsresistenten Pflanzensamen. Wer möchte da einem Bauern oder einen total verarmten Dorf den Vorwurf machen, das sie Bio-Anbau mit Gentechnik kombinieren?

Falls jetzt die großen Textilketten auf ihrem Bio-Angebot sitzen bleiben, könnten sie sich von der Biobaumwolle verabschieden und wieder verstärkt auf konventionelle Baumwolle setzen. Der Kunde hat sich ja dafür entschieden. Solange es aber nur Negativschlagzeilen zur Bio-Baumwolle in meine morgendlichen Radionachrichten schaffen, wird sich daran auch nichts ändern. Man muss auch mal mit den wirklich ungemütlichen Wahrheiten zur Textilindustrie aufwachen.