Wo produzieren lassen? Weg von schwarz-weiß!

Von gluecksstoff am 06. Nov. 2009

Da die Kommentare zum Beitrag von IndiaFling “Diskussion um Sozialstandards” vielfältig waren, will ich hier unsere ausgiebige Einstellung zum Thema nochmals extra posten. Auch deshalb, weil wir dies selbst noch nie so ausführlich niedergeschrieben haben! ;)

In dem Beitrag von IndiaFling ging es darum, wo man am fairsten produzieren lässt und die Frage, wie nationalistisch es ist, auf die Herstellung in Deutschland zu setzen. Unsere Stellungnahme zu diesem Thema wollten wir nochmals gesondert veröffentlichen, weil es ein komplexes Thema ist, mit dem wir aber ständig zu tun haben, und in welcher Hinsicht wir uns oft rechtfertigen müssen. Hier unsere Sichtweise. :)

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Also als erstes ist doch festzustellen, dass es, egal ob in Deutschland oder in Indien (oder sonst wo), für den Einzelnen enorm wichtig ist, eine Aufgabe zu haben und zu Arbeiten. Darum freuen wir uns für jeden, der eine Aufgabe hat und somit die Chance hat, produktiv an der Gesellschaft teilzunehmen. Es ist auch klar, dass es in vielen Ländern härter zu geht als hier bei uns und viele nicht das Glück haben, einen Sozialstaat im Rücken zu haben. Dort geht es um Existenzsorgen, hier “nur” um die Teilnahme an der Gesellschaft. Allerdings darf man dennoch nicht unterschätzen, welche Auswirkungen die Ausgrenzung durch Arbeitsplatzverlust hier in Deutschland für den Einzelnen und auch für die Gesellschaft haben. Und da wir immer noch dem Paradigma der Leistungs- und Erwerbsgesellschaft hinterher trotten und eine Diskussion um ein Recht auf ein Grundeinkommen erst in den Anfängen ist, darf man die Menschen hier nicht fallen lassen, nur weil es ihnen absolut gesehen super gut geht. Der Mensch denkt in Relationen. Und einem Hartz IV Empfänger geht es hier relativ schlecht. Für das Wohlergehen einer Gesellschaft ist das von absoluter Dringlichkeit, dies als Maßstab zu nehmen. (siehe dazu z.B. die Studie http://www.equalitytrust.org.uk/) Daher ist es bisher noch notwendig, allen eine Chance auf Arbeit zu geben. Und es wäre nicht nur nationalistisch (NICHT rassistisch!), die Deutschen auf Grund ihres Deutschseins zu bevorzugen, sondern auch, würde man die Inder auf Grund ihres Inderseins bevorzugen. ;)
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Damit wäre ich beim nächsten Punkt. “Tendenziell rassistisch” wäre es nur, wenn wir ausschließlich Deutschen Arbeit geben würden. Da dies aber bei keinem hier das Kriterium ist, ist das Wort “rassistisch” total fehl am Platz und wird hier in falschem Zusammenhang verwendet. Wenn, dann müsste es wohl “nationalistisch” heißen”! ;) Zumal auch andere Europäer zu “unserer” Rasse gehören. (Oh man, was für scheiß Worte. Ich hasse Rassentrennung schon bei Tieren, wo wir übrigens noch rassistischer sind, als uns lieb sein sollte.). In unserer Näherei arbeiten viele Menschen mit Migrationshintergrund, was alles andere als rassistisch oder nationalistisch ist. Und Migrationshintergrund nicht, um sie einfacher auszubeuten, sondern weil es einfach kaum deutsche Näherinnen gibt. Von uns aus sollen sie ruhig alle die Grenzen stürmen. Verständlich wäre es. Die Welt gehört ALLEN Menschen! (Kein Mensch ist illegal! Nirgendwo!)
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Jetzt einfach zu behaupten, das wir, die in Deutschland produzieren, alle nur “Illegale” schwarz beschäftigen, um die Lohnkosten gering zu halten, finde ich schon etwas gewagt und deutet sehr auf oben genanntes schwarz-weiß Denken hin. Und noch was. Es gibt kaum Globalisierungsgegner (außer evtl. in der rechten Szene), wie dies oft betitelt wird, sondern viel mehr Globalisierungskritiker. Und dabei geht es nicht um eine “steinzeitliche” Verleugnung der Globalisierung, die auch viele positive Aspekte mit sich bringt, sondern um wohlwollende konstruktive Kritik an der neoliberalen Ausrichtung der Globalisierung! Das ist ein Unterschied. Zumal die Globalisierung schon im 16. Jahrhundert ihre Wurzeln hat. Die Hetze gegen “Globalisierungsgegner” wird vor allem durch Unwissenheit vorangetrieben und von rechter Seite dann gerne für Propaganda gegen Links aufgegriffen!
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Nun zum “Aufruf” (siehe Kommentare im Beitrag “Diskussion um Sozialstandards”), am besten alles im Ausland zu kaufen. Es ist gut, wenn dort Geld hinfließt. Keine Frage. Aber volkswirtschaftlich gesehen wohl eine Sackgasse, wenn man nur noch im Ausland kauft. ;) Wie viele Wissen, sind viele Zollbestimmung wirklich “post-kolonial” geprägt, z.B. indem fertig abgepackter Kaffee weit höhere Zölle kostet, als die rohen Kaffeebohnen. Dies führt dazu, dass der Import von fertigen Waren sehr teuer wird, was dazu führen soll, dass die Gewinnung des Mehrwerts der eigenen Wirtschaft zugute kommt. Absolut “post-kolonialistisch”. Allerdings darf man nicht vergessen, dass die Maschinen, die in diesen Ländern zum Spinnen oder Weben verwendet werden, zu großen Teilen aus Deutschland oder Europa kommen. D.h. die Abhängigkeit besteht weiter, bzw. ist evtl. in die “post-koloniale Phase 2.0″ übergegangen. Denn, wer hat es so schön gesagt: Wer die Produktionsmittel besitzt, der kontrolliert die Menschen. Wenn man wirkliche Unabhängigkeit will, sollte man dieses Problem ebenfalls angehen. Allerdings wird es dann schwer mit der Jobsituation hier in Deutschland, wenn die “hochgelobten”, in Deutschland wohnhaften Ingenieure arbeitslos werden und wir alles im Ausland kaufen. Wie gesagt, eine volkswirtschaftliche Sackgasse!
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Jetzt das Totschlag-Argument “Wettbewerbsfähigkeit”. Zunächst die Frage: Gegenüber wem wettbewerbsfähig? KIK, Nike oder Channel? ;) Gerne wird in Diskussion über Wettbewerbsfähigkeit der niedrigste Preis hergenommen ohne zu berücksichtigen, dass die Menschen auch Shirts für 60 Euro oder auch Hosen für 160 Euro anhaben. Siehe z.B. auch das Beispiel “Ed Hardy”. Mit dem Argument des Wettbewerbs kann man jegliche ethische Bemühungen zunichte machen. Allerdings vergisst die Diskussion die besondere Stellung unserer ökorrekten Branche. Denn dort ging und geht es auch schon immer um Aufklärung der Konsumenten. NIEMAND kauft fair, ohne zu wissen, was denn der “Mehrwert” daran ist. Das heißt, unsere Arbeit ist immer auch verbunden mit Aufklärung über Produktionsverhältnisse, Welthandel, Umweltproblematiken usw. Das Wettbewerbs-Argument ist deshalb ein Totschlag-Argument, weil es nicht nur von Indien-FairTrader zu Deutschland-FairTrader eingesetzt werden kann, sondern auch von Nicht-FairTrader zu FairTrader. Für uns heißt das: Scheiß auf den Wettbewerb. Es geht um Transparenz, gerechte Löhne und faire Gewinnspannen. Machen wir das demjenigen klar, der an einem unserer Kleidungsstück interessiert ist, ist die Frage nach “Wo bekomm ichs noch günstiger” nicht mehr sooo relevant! Soll heißen: Unser Verkauf geht einher mit der Information des Kunden über die Produktion in Deutschland und ihre Vorteile so wie Nachteile. Sind wir authentisch, kauft der Kunde. Dass das Informieren nicht immer einfach ist steht außer Frage. Aber eben das macht unsere Branche aus. Unsere Hosen kosten die gleichen 129,- Euro wie die Hosen von anderen im Ausland produzierenden FairTradern! :)


Kommen wir zum Konsumenten und zum Anteil der Ausgaben für Kleidung am Gesamteinkommen. Ist nicht einfach bei den riesigen Einkommensunterschieden in Deutschland, aber so weit will ich es nicht ausdifferenzieren. Dass die Einkommensunterschiede zu groß sind steht außer Frage. Generell ist zusagen, dass der ausschweifende Konsum hier bei uns maßgeblich mit den günstigen Arbeitskräften zu tun hat, die wir zur Verfügung haben. Geht man davon aus, dass es allen Ländern mal so gut wie uns gehen soll, ist ein FairTrade-Shirt für 15,- Euro einfach nicht mehr machbar. Für uns stellte sich irgendwann die Frage: Was würde ein Shirt kosten, wenn ich es selbst produzieren müsste? Dies ist genau die Richtung, die wir einschlagen wollten. D.h. die Produktion in Deutschland unter gleichen Standards, die auch der spätere Konsument für sich beansprucht, steht in einem recht nachhaltigen Verhältnis zu den Konsumentenstandards. Dauerhaft ist dieser Konsumwahn einfach nur durch Ausbeutung machbar. Deshalb ist es am nachhaltigsten, wenn derjenige, der für mich produziert, das gleiche Einkommen und die gleichen Standards (man muss auch Infrastruktur, Sicherheit etc. dazu zählen, nicht nur das reine Einkommen) hat, wie ich selbst. Aus unserer Sicht war der Weg, deshalb vor Ort zu produzieren, erstmal der vernünftigste, um reelle Preise zu generieren. Nun ist dieses Ziel aber nicht nur durch die Produktion in Deutschland zu erreichen, sondern wäre z.B. auch machbar, indem man nicht nur den FairTrade-Lohn in z.B. Indien bezahlt, sondern die Differenz zwischen deren Lohn und dem deutschen Lohn in Entwicklungshilfe steckt. Alles den Arbeitern auszuzahlen wäre unvernünftig und dies würde die Einkommensunterschiede in Indien gravierend verstärken. Stattdessen sollte die Differenz in Infrastruktur o.ä. gesteckt werden, um die Standards schnellst möglich anzugleichen. So bekämen ärmere produzierende Länder enorm viel Unterstützung auf ihrem Weg der Unabhängigkeit und zugleich wäre das Preisniveau für den Konsumenten gewahrt, der somit den gleichen Preis bezahlen würde, wie wenn der eigene Nachbar das Shirt produzieren würde. Verdächtig ist nämlich, dass es dem Konsumenten und Herstellern natürlich einen Eigennutz bringt, im Ausland produzieren zu lassen und daher die angeblichen Anstrengungen, den Indern (o.a.) etwas Gutes tun zu wollen, unglaubwürdiger werden, da man selbst davon enorm profitiert und das eigen Konsumverhalten nicht kritisch hinterfragen muss. Warum also nicht die 7,50 Euro pro Stunde (lieber mehr!) nach Indien fließen lassen, wenn man es so gut mit ihnen meint? Zack… und schon wieder das Totschlag-Argument “Wettbewerbsfähigkeit”. Oder doch Zwänge der Konsumsucht? ;)
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Zum Schluss will ich auf unsere Sichtweise eingehen. Für uns spielt es, außer aus ökologischen Gründen, keine Rolle wo wir produzieren. Wichtig ist uns einzig und alleine eine ausgeglichene Verteilung. Da alle in Indien oder sonst wo sind, sind wir hier in Deutschland. Denn auch hier bangen Menschen um ihre Arbeit und gehen an der Angst vor Arbeitslosigkeit kaputt. Vergessen werden darf nicht, dass unsere Stoffe bisher von Lichtschatz kamen und somit von der Baumwolle bis zum gewebten Stoff aus der Türkei! Gut so. :) Unsere zukünftigen Stoffe kommen, jetzt ratet mal… aus Indien. Die Inder haben einfach mehr Ahnung von Pflanzenfarben. :) Um die Verteilung ausgewogen zu halten, werden die Sachen dann hier in Deutschland zusammengenäht und bestickt. Des weiteren arbeiten wir an einem Konzept, wie wir die Kosten, die wir und somit der Konsument, durch die Produktion in Indien einspart, ausgleichen können, indem wir, wie oben beschrieben, die Differenz z.B. in umliegende Infrastrukturprojekte stecken. Auch weil wir bald bestimmte handgestrickte Accessoires von einem Frauenprojekt in Indien beziehen werden. Verhindern wollen wir, dass der Konsument diesen Vorteil der günstigeren Produktion ausbeuten kann und weiter den Eindruck behält, als könne man dauerhaft den begehbaren Kleiderschrank günstig füllen. Und ich denke wir werden einen Weg finden. Dieser wird weder schwarz noch weiß sein, sondern eher etwas gräulich. Doch am liebsten völlig kunterbunt! :)