Der obligatorische Kulturschock
Von IndiaFling am 02. Feb. 2010
Ich kriege es nie hin, nichts zu vergessen… diesmal war es neben wichtigen Visitenkarten die Adminadresse zu korrekte klamotten. Die hab ich jetzt endlich und deswegen gibt es gleich den zweiten Eintrag, der schon in der Schublade lag…

Paha Ganj at its best. Danke nochmal an Thorsten Eggers.
Indien ist ein großartiges Land. Wenn man genug geschlafen hat, ein Zimmer mit Fenster gefunden hat und sich die nötige Ignoranz angewöhnt hat, die man braucht, wenn Leute einen auf der Straße immerzu fragen, wo man herkommt oder einem was verkaufen wollen. Alles drei trifft auf mich im Moment leider noch nicht zu, aber ich arbeite dran. Also verzeiht mir, falls ich an der einen oder anderen Stelle etwas sarkastisch klinge.
Zurzeit nächtige ich in Paha Ganj. Paha Ganj ist, glaube ich, der schlimmste Ort der Welt. Hier hat Indien kondensiert. Die Enge, die Menschen, das Gehupe, die Gerüche. Genau hier. Geht man 500 Meter weiter, dann steht man auf den breiten Straßen Delhis und hat das Gefühl, man kann atmen. Hier drin (ja, es wirkt immer wie „hier drin“, weil alles so eng ist) hat man das nicht. Die Hauptstraße ist kaum so breit wie zwei Autos, rechts und links türmen sich die Waren der Verkäufer. Von der Straße ab gehen winzige Gassen, so breit, dass man mit beiden Händen an die Wände stößt, wenn man die Arme ausstreckt (und auch wenn diese voller Menschen sind, kann man hier doch immer noch hervorragend Motorrad fahren). Und genau in so einem Tentakel wohne ich. In einem Zimmer ohne Fenster.
Jetzt ist diese Gegend so schlecht und so billig, dass man keinem Einheimischen sagen kann, dass man hier wohnt. Also habe ich am Telefon dem Produzenten erzählt, ich würde irgendwo frühstücken und er könne mich am Freitag daher nicht am Hotel abholen, sondern er müsse zum Bahnhof kommen (der ist gleich daneben). Da ich für die großen zertifizierten Hersteller ohnehin nur ein winziger Fisch bin, den sie vielleicht bedienen, wenn sie gute Laune haben, muss ich irgendwie mit Müh und Not verschleiern, dass ich in einem Tentakel für fünf Euro die Nacht wohne. Die kommen ja sonst gleich auf die Idee, ich sei keine ordentliche Geschäftsfrau.
Jedenfalls ging ich genauso vor und anscheinend war mein Plan aufgegangen. Denn der Chef der Firma meinte zum Abschied: Es gibt am Bahnhof eine Gegend, die heißt Paha Ganj. Die sollten Sie auf jeden Fall meiden. Drogen und so. Ist auch sehr dreckig da.
Ich: Ja, die kenn ich. Als ich noch Backpacker war, habe ich auch dort geschlafen.
Ich war gottfroh, dass er dann nicht weitergefragt hat. Weil lügen ist wahrlich nicht meine Stärke.
Wie gesagt sollte es in Delhi ursprünglich mal zwei Produzenten geben für erste Verhandlungen. Weil wenn ich beim letzten Mal eines gelernt habe, dann, dass man sich nicht von Anfang an von einem Hersteller abhängig machen sollte. Da hatte ich nämlich sechs Wochen mit dem Vater verhandelt. Nach sechs Wochen kam raus, dass der Sohn die Geschäfte übernommen und keine Lust auf kleine Abnehmer hat. Und das hat er mich auch spüren lassen.
Diesmal also zwei, beide in Delhi, damit ich nicht soviel rumfahren muss. Soweit der Plan. Einer der beiden, nennen wir ihn Hersteller A, hatte mir monatelange hinterher telefoniert, nachdem irgendein Agent ihm meine Nummer gegeben hatte. Ich willigte also schließlich ein und schickte ihm meine Zeichnungen und nannte ihm einen Stichtag, zu dem ich in Berlin auf einer Messe sein sollte. Da wollte ich die Muster natürlich mitnehmen.
Hersteller B bekam die Zeichnungen später, kam aber Längen vor Hersteller A im Ziel an. Nach zwei Wochen hatte ich die Samples in Deutschland in der Hand und war ziemlich begeistert. Davon wusste natürlich Hersteller A nichts, der mittlerweile nicht mehr ans Telefon ging, keine SMS und keine Emails beantwortete. Bevor er verschwand, versicherte er mir noch, dass die Samples per Courier unterwegs seien. Die kamen aber leider nie bei mir an. Bis zu meiner Abreise nach Indien. Und da war es nur noch Hersteller B.
(Kurzer Einschub an dieser Stelle: Ich habe Hersteller A heute angerufen, weil er noch Brokatmuster von mir hat, die ich brauche. Er war zwei Wochen im Krankenhaus. Das glaube ich ihm sogar, weil er immer noch ganz schrecklich klang. Aber in der Firma hätte ja vielleicht wer anders eine Email… egal. Ich treffe ihn jetzt zum Essen. Aber eigentlich nur, weil ich heute Abend nichts vor habe.)
Auf besagter Messe traf ich dann noch einen Herrn aus Agra, der dort eine Fabrik hat. Klang auch super und da ich ja unbedingt zwei Hersteller wollte, hat der jetzt auch noch die Zeichnungen bekommen. Dieser Hersteller C hat aber extrem hohe Preise, noch höher als Hersteller B. Also kann ich derweil nur hoffen, dass man da noch was machen kann.
Das größte Problem sind aber wieder mal die Mindestbestellmengen. Zwar ist es für beide Hersteller erst mal in Ordnung, nur 250 Teile pro Schnitt zu machen (also zu schneiden und zu nähen), aber die Stoffhersteller haben für GOTS und Fairtrade Stoffe geradezu horrende Mindestbestellmengen für Stoffe verschiedenen Gewichts und Farbe. 500 kg für gestrickte Stoffe (also Jersey) und 1000 m für gewebte Stoffe. Für ein Teil braucht man in der Regel nicht mehr als 300 g oder einen halben Meter. Das sind wieder Klippen, die man irgendwie umschiffen muss.
Meine Lösung beim letzten Mal war schwarz. Also für alle, die sich schon immer gefragt haben, warum es bei IndiaFling nur schwarze Stoffe gibt, hier kommt die Antwort. Der Hersteller in Kalkutta hatte – im Gegensatz zu Hersteller B und C – seine eigenen Strickmaschinen und das Färben wurde in der Fabrik nebenan erledigt. Also keine Mindestmenge für schwarz egal welcher Qualität. So far so good, jetzt ist alles schwarz, aber das scheint mir diesmal nicht zu helfen. Egal erst mal, wie Scarlett O’Hara immer so schön sagte „I’ll think about it tomorrow“. Mir fällt bestimmt was ein.
Jetzt freu ich mich erst mal, dass ich hier bin. Fenster hin oder her.







2 Kommentare
bumbaumel
I wish I as there, Steffi! Hang in there, you’re doing great. And your black stuff is awesome, I love my IndiaFling shirt.
Februar 2nd, 2010 um 16:52
IndiaFling
Danke fuer die Blumen, Sarah. And black it will be again… I was thinking, should I go find one of these fabric suppliers and give them a talk about their minimum requirements? I think I should do that in all our names!
Februar 3rd, 2010 um 15:02
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