Diskussion um Sozialstandards
Von IndiaFling am 03. Nov. 2009
Wo lässt man am Besten herstellen? Kauft man Baumwolle aus dem Ausland und lässt diese dann in Deutschland weiterverarbeiten oder kauft man den fertigen Stoff oder das komplett fertige Produkt im Ausland?

Ich habe vorhin den Eintrag von batata gelesen, wo man denn in Deutschland Biobaumwolle zu Stoffen weben lassen kann… die Kommentare, die zu der Frage kamen, haben mich jetzt mal ein bisschen zum Nachdenken veranlasst und mich würde brennend Eure Meinung interessieren.
Also die Frage dreht sich im Prinzip darum, wo man denn am Besten herstellen lässt. Kauft man Baumwolle aus dem Ausland und lässt diese dann in Deutschland weiterverarbeiten oder kauft man den fertigen Stoff oder das komplett fertige Produkt im Ausland?
Nun spricht ja natürlich die Unterstützung der eigenen Wirtschaft z. B. schon mal dafür, das Ganze in Deutschland über die Bühne gehen zu lassen. Auch auf den ersten Blick wären die Sozialstandards hier vielleicht besser. Aber hier kommt mein erster zweifelnder Ansatz: Ist das wirklich der Fall? Schließlich muss das Produkt ja auch unterm Strich noch kompetitiv sein und ich bezweifele, dass man das mit vernünftigen Stundenlöhnen schafft in diesem Land. Wer kann hier Aufschluss geben über die Löhne eines Arbeiters in einer deutschen Webfabrik?
Springen wir nun nach Indien (oder woanders in Asien, da kenn ich mich allerdings nicht aus). Wenn ich dort ein Produkt herstellen lasse, das den Fairtradekriterien entspricht, dann kann ich eigentlich sicher sein, dass der Arbeiter dort von seinem Lohn auch sehr gut leben kann. Ist es denn dann eine gerechtfertigte Kritik zu sagen, dass das Produkt auf Ausbeutung beruht, nur weil es aus unserer Sicht billig ist? Der Arbeiter würde bestimmt sagen nein.
Halb Indien würde zusammenbrechen, wenn wir ihnen die Textilproduktion abnähmen mit der Begründung, wir könnten das fairer zu Hause erledigen. Schließlich hat Gandhi unter den Briten das Land schon mit der Textilproduktion zu einen gewissen Grad an Autarkie verholfen. Und wenn wir jetzt mit Ricardos komparativen Kostenvorteilen sprechen wollen, so müssten wir doch schlichtweg anerkennen, dass die Inder das mit dem Textil besser und billiger können. Nur mit dieser Arbeitsteilung funktioniert doch die Weltwirschaft.
Unterm Strich bedeutet für mich Fairtrade einfach Wandel durch Handel. Und es ist somit für mich die Möglichkeit, Entwicklungs- und Schwellenländer aus der Abhängigkeit von Entwicklungshilfe zu befreien und ihnen den gerechten Zugang zu unseren Märkten zu bieten, den sie verdient haben. Diese Tor sollten wir ihnen nicht verschließen, indem wir sagen, wir können das hier aber besser.
Soviel zu meiner Meinung. Ich bin sehr gespannt, was Ihr dazu sagt :-)








26 Kommentare
M.
Hallo Kollegin,
kurz und knapp meine Meinung:
(1) Am Besten komplett im Ausland kaufen. Rohstoffe in Schwellenländern kaufen und in den industriellen Zentren veredeln ist klassisches (post-) kolloniales Handeln und hemmt die wirtschaftliche Entwicklung der Produktionsländer. Auf den Punkt gebracht: Die machen die Deppenarbeit, wir die gewinnbringende Qualitätsarbeit.
(2) Die eigene Wirtschaft unterstützen … nach dem unter (1) beschriebenen Prinzip, und das im Land des (gerade nicht mehr?) Export-Weltmeisters. Finde ich tendenziell (aber bestimmt nicht bewusst so gemeint, nicht als Angeriff verstehen) rassistisch.
(3) Der Arbeiter kann in Indien von seinem “Fairtrade”-Lohn aber trotzdem nicht “gut” leben. Zumindest nicht gut in dem Sinne, dass er mal was fürn Häuschen, Reisen und ein Auto zur Seite legen kann. Er bekommt in einem Niedriglohn-Land ein paar “Fairtrade”-Cent extra, er muss also nicht verhungern.
(4) Letzter Absatz: Sehe ich auch in etwa so.
Allerbeste Grüße, M.
November 3rd, 2009 um 20:41
Thorsten
Hallöchen!
Also für mich macht es die “Mischung” der unterschiedlichen Labels und ihrer Produktionsweisen.
Ich fände es komisch, wenn wir bei “Fairticken” nur noch günstige Textilien aus Indien (natürlich fair und bio) im Angebot hätten. Nie war der Ablasshandel für die eigenen Privilegien schöner und sexier! ;-)
…obwohl mit ALG2 sind das auch keine Schnäppchen!
Anderseits fände ich es komisch, nur noch lokal-nationale Produkte im Angebot zu haben mit dem Hinweis, dass jede Produktion in einem Niedriglohnland Ausbeutung ist. Das möchte ich nicht den ArbeiterInnen in den Niedriglohnländern erklären!
Am besten wäre natürlich eine soziale Produktion in Indien mit 7,50€ Stundenlohn (vieleicht ein globaler Mindestlohn?) und das fertige Produkt kann sich auch ein Mensch mit ALG2-Bezug leisten. Aber das ist wohl etwas utopisch… fürs erste vieleicht eine Verdopplung/ Verdreifachung des Fairtradeaufschlags?
Ich glaube, das angebrochenene Themenfass ist ziemlich groß und ohne einen Blick auf die gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse und kommt mensch hier nicht weit.
Die Frage nach der “richtigen” Produktion lässt sich halt nicht so leicht beantworten wie die Frage nach der Trendfarbe der Saison.
Aber, ist es eigenlich noch lila oder doch grau-oliv??? Nicht dass ich auf die falsche Farbe setze!!!
Gruss Thorsten
November 4th, 2009 um 11:25
treches
hei,
aber die sachen sind in indien nur billiger zu produzieren weil das land armer ist als deutschland. wenn die eines tages, dank fairer handel *naturlich* auf das gleiche niveau ist wie d. muss die sachen auch so viel kosten zu produzieren wie in deutschaldn. wenn es wirklich keine globale unterschiede geben soll kann es auch nicht gunstiger sein in asien produzieren zu lassen. also ist die reale preis für ein kleidungsstuck eigentlich was der kostet wenn der in d. produziert wird. -ja, halt teurer, aber dann kan man eben lernen, weniger zu verbrauchen… :)
ausserdem ist es mir wichtig dass die leute mitbestimmungsrecht bei ihrer arbeit hat.
November 4th, 2009 um 12:01
Micha
Hier ist wieder mal eine der grundfragen der “fairen Textillabels”, die es besser als die konventionellen Großanbieter machen wollen, aufgegriffen worden: Wo lässt man produzieren?
“Die eigene Wirtschaft unterstützen … nach dem unter beschriebenen Prinzip, und das im Land des (gerade nicht mehr?) Export-Weltmeisters. Finde ich tendenziell (aber bestimmt nicht bewusst so gemeint, nicht als Angeriff verstehen) rassistisch.”
Dieses Argument hab ich auch schon im privaten Kreis vertreten, woraufhin ich heftig angegangen wurde, wird es doch gerade in der eher linken Bevölkerungsgruppe vertreten, die Rassismus stets vehement zurückweist. Ich finde es allerdings schon problematisch, wenn man schimpft, wie böse es ist, dass in Rumänen ein Werk gebaut wird und jetzt “die statt wir Deutschen” Arbeit haben.
“Haben es die Rümanen (alternativ auch alle anderen Nationalitäten in die Produktionen verlagert werden) weniger verdient zu arbeiten als wir” frage ich dann, worauf den Gesprächspartnern nur noch wenig einfällt. Um es klar zu stellen: Ich will damit nicht sagen, dass jeder der hier produzieren lässt ein Rassist ist, sondern lediglich, dass man mit dem “Deutschland-Argument” vorsichtig umgehen sollte.
Solange man guten Gewissens sagen kann, dass Sozialstandards eingehalten werden finde ich es deshalb kein Problem auch im Ausland zu fertigen, denn einige alternative Anbieter müssen auch im Preis halbwegs wettbewerbsfähig sein, und das ist zumeist bei deutscher Produktion weniger der Fall, zumal es auch in Deutschland gibt es übrigens nicht immer ausreichende Sozialstandards und ein gutes Arbeitsklima.
November 5th, 2009 um 10:02
fairtragen
zu “Die eigene Wirtschaft unterstützen” finde ich hat Marco recht: weshalb sollen ärmere Staaten nicht auch ein Stück vom Kuchen abbekommen. Und außerdem spielt da auch der Gedanke hinein: wofür braucht man überhaupt die Abgrenzung “Staat”. Naja…
Andererseits ists natürlich viel einfacher die Fairness in Deutschland zu überprüfen, weils einfach nicht so weit weg ist.
Ich denke, das komplette Produkt im Ausland zu kaufen ist gar nicht verkehrt. Vielleicht wäre es gut das Fairtrade Siegel und die Vergabe- / Prüfkriterien zu optimieren…
November 5th, 2009 um 10:04
bumbaumel
Spätestens seit Naomi Klein ihr Buch “No Logo” in 2000 rausgebracht hat, wissen wir doch alle, wo das ganze Zeug herkommt, das in der Fußgängerzone zu kaufen ist. Globalisierung ist eine Tatsache, auch wenn man es steinzeitlich verleugnen wiill. In Deutschland spinnen nur noch Spinner. Weben? Färben? Nähen? Kunsthandwerk, mehr nicht. Es ist sicher schön und edel, aber es hat nichts mit der globalen Textilindustrie zu tun. Und eine Lösung ist es schon gar nicht. Nicht mal ansatzweise.
Aber hauptsache man hat nicht im “Billiglohnland” genäht. In meinem US-amerikanischen Heimatland gibt es nach wie vor eine Textilindustrie, aber wer von den Sweatshop-ArbeiterInnen dort hat Papiere? Und wieviel werden sie bezahlt????Und wo kommen sie nochmal her?
Ach ja, aus Mexico……. I Aber hauptsache, “Made in the USA” steht da drauf…..
Und hier in Deutschland? Wer näht dann noch hier? Haben die Leute Papiere oder läuft es auch alles schwarz?
Ich habe eine Freundin, die ausgebildete Industrienäherin ist. Man hat ihr schon vor ***10 Jahren*** bei der Arbeitsamt gesagt, dass es ihren Beruf nicht mehr gibt. Jetzt arbeitet sie im Call-Center. Das ist die Realität. Wahrscheinlich ist der Call-Center-Job auch bald weg.
Ich habe in Indien einen Mitarbeiter von einem riesigen französichen Sporthersteller kennengelernt. Erwollte mir überzeugen, dass die schlechte Presse aus Bangladesh alles nur ” bad PR” war. Tatsächliche gehe es allen dort gut. Nur, die arbeiten viel besser ohne Pausen und mindestens 12 Stunden am Stück. Nur so wären sie konzentriert genug. Ich war sprachlost. In China tragen die Leute Windeln in den Fabriken, weil sie nicht mal aufs Klo dürfen.
Das ist die Realität. Wem es nicht egal ist, der soll Klamotten kaufen, die nicht so produziert wurden. Klar kann man “da unten nicht alles kontrollieren”, aber der Tüv-Süd schon. Oder Control Union. Oder Transfair.
November 5th, 2009 um 20:06
IndiaFling
Nur ein kleiner Kommentar zu Fairtrade und Baumwolle. Den eigentlichen Fairtradezuschlag gibt es nur für die Baumwollbauern. Der Näher in der Fabrik, die Weber, etc. bekommen den nicht. Hier werden lediglich Social Audits durchgeführt, um sicherzustellen, dass die Leute ordentlich bezahlt werden, sich nicht vergiften, dass es bestimmte Arbeitsschutzmaßnahmen gibt, etc.
Und meine Aussage, dass die Leute dann “sehr gut” leben können, muss ich natürlich dahingehend relativieren, dass sie im Vergleich zu ihrem Umfeld gut leben können. Leider wage ich auch zu bezweifeln, dass man in einem Niedriglohnjob in Deutschland genug Geld zur Seite legen kann, um zu reisen, sich ein Haus und Auto etc. kaufen zu können. Das ist hier wie dort tragisch, nur dass es in Indien teilweise wirklich ums Eingemachte geht. Wenn da der Job weg ist, muss sich der Arbeiter schon fragen, wie er seinen Kindern am nächsten Tag was zum Essen besorgt.
Aber vielen Dank für Eure Beiträge :-) spannendes Thema…
November 5th, 2009 um 21:12
Markus
Moin Leute,
da ich gerade ja in Kalkutta bin und mir nen guten Eindruck verschaffen kann von der ganzen Sache, stimme ich zu 100% mit den Aussagen von IndiaFling überein.
Selbst das die Arbeiter hier im Gegensatz zu den anderen “sehr gut” leben können würde ich teilweise zustimmen ;) Will heißen “die anderen” leben auf der Straße und wissen nicht was sie essen sollen und die Arbeiter hier bei meinem Produzenten können schon relativ gut leben. Das ganze liegt meiner Meinung aber nicht unbedingt an Fairtrade und Co, sondern daran, dass der Produzent hier seinen Arbeiter einfach extrem viel gutes tut. Zum Beispiel zahlt er seinen Arbeitern zum Großteil (70%) das Mittagessen und sorgt dafür das ALLE Kinder der Arbeit zur Schule gehen etc pp…
Aber einen Urlaub und en Auto können Sich die meisten wahrscheinlich trotzdem nicht leisten…aber MUSS man das überhaupt haben??? Ich denke das ist halt unser westliche Vorstellung vom “glücklich-sein” :)
Lg
Markus
November 6th, 2009 um 13:30
gluecksstoff
Dann fehlt wohl noch unser Beitrag. :) Wird schwierig, bei den vielen Ebenen, auf denen hier diskutiert wird, aber ich versuch es einfach mal. Vorne weg: Schwarz-weiß Denken führte selten zur richtigen Lösung. ;)
———–
Also als erstes ist doch festzustellen, dass es, egal ob in Deutschland oder in Indien (oder sonst wo), für den Einzelnen enorm wichtig ist, eine Aufgabe zu haben und zu Arbeiten. Darum freuen wir uns für jeden, der eine Aufgabe hat und somit die Chance hat, produktiv an der Gesellschaft teilzunehmen. Es ist auch klar, dass es in vielen Ländern härter zu geht als hier bei uns und viele nicht das Glück haben, einen Sozialstaat im Rücken zu haben. Dort geht es um Existenzsorgen, hier “nur” um die Teilnahme an der Gesellschaft. Allerdings darf man dennoch nicht unterschätzen, welche Auswirkungen die Ausgrenzung durch Arbeitsplatzverlust hier in Deutschland für den Einzelnen und auch für die Gesellschaft haben. Und da wir immer noch dem Paradigma der Leistungs- und Erwerbsgesellschaft hinterher trotten und eine Diskussion um ein Recht auf ein Grundeinkommen erst in den Anfängen ist, darf man die Menschen hier nicht fallen lassen, nur weil es ihnen absolut gesehen super gut geht. Der Mensch denkt in Relationen. Und einem Hartz IV Empfänger geht es hier relativ schlecht. Für das Wohlergehen einer Gesellschaft ist das von absoluter Dringlichkeit, dies als Maßstab zu nehmen. (siehe dazu z.B. die Studie http://www.equalitytrust.org.uk/) Daher ist es bisher noch notwendig, allen eine Chance auf Arbeit zu geben. Und es wäre nicht nur nationalistisch (NICHT rassistisch!), die Deutschen auf Grund ihres Deutschseins zu bevorzugen, sondern auch, würde man die Inder auf Grund ihres Inderseins bevorzugen. ;)
———
Damit wäre ich beim nächsten Punkt. “Tendenziell rassistisch” wäre es nur, wenn wir ausschließlich Deutschen Arbeit geben würden. Da dies aber bei keinem hier das Kriterium ist, ist das Wort “rassistisch” total fehl am Platz und wird hier in falschem Zusammenhang verwendet. Wenn, dann müsste es wohl “nationalistisch” heißen”! ;) Zumal auch andere Europäer zu “unserer” Rasse gehören. (Oh man, was für scheiß Worte. Ich hasse Rassentrennung schon bei Tieren, wo wir übrigens noch rassistischer sind, als uns lieb sein sollte.). In unserer Näherei arbeiten viele Menschen mit Migrationshintergrund, was alles andere als rassistisch oder nationalistisch ist. Und Migrationshintergrund nicht, um sie einfacher auszubeuten, sondern weil es einfach kaum deutsche Näherinnen gibt. Von uns aus sollen sie ruhig alle die Grenzen stürmen. Verständlich wäre es. Die Welt gehört ALLEN Menschen! (Kein Mensch ist illegal! Nirgendwo!)
———
Jetzt einfach zu behaupten, das wir, die in Deutschland produzieren, alle nur “Illegale” schwarz beschäftigen, finde ich schon etwas gewagt und deutet sehr auf oben genanntes schwarz-weiß Denken hin. Und noch was. Es gibt kaum Globalisierungsgegner (außer evtl. in der rechten Szene), sondern viel mehr Globalisierungskritiker. Und dabei geht es nicht um eine “steinzeitliche” Verleugnung der Globalisierung, die auch viele positive Aspekte mit sich bringt, sondern um wohlwollende konstruktive Kritik an der neoliberalen Ausrichtung der Globalisierung! Das ist ein Unterschied. Zumal die Globalisierung schon im 16. Jahrhundert ihre Wurzeln hat. Die Hetze gegen “Globalisierungsgegner” wird vor allem durch Unwissenheit vorangetrieben und von rechter Seite dann gerne für Propaganda gegen Links aufgegriffen! Wobei ich hier niemandem rechtes Gedankengut unterstellen will!
———
Nun zu M.´s ;) “Aufruf”, am besten alles im Ausland zu kaufen. Es ist gut, wenn dort Geld hinfließt. Keine Frage. Aber volkswirtschaftlich gesehen wohl eine Sackgasse, wenn man nur noch im Ausland kauft. ;) Wie viele Wissen, sind viele Zollbestimmung wirklich “post-kolonial” geprägt, z.B. indem fertig abgepackter Kaffee weit höhere Zölle kostet, als die rohen Kaffeebohnen. Dies führt dazu, dass der Import von fertigen Waren sehr teuer wird, was dazu führen soll, dass die Gewinnung des Mehrwerts der eigenen Wirtschaft zugute kommt. Absolut “post-kolonialistisch”. Allerdings darf man nicht vergessen, dass die Maschinen, die in diesen Ländern zum Spinnen oder Weben verwendet werden, zu großen Teilen aus Deutschland oder Europa kommen. D.h. die Abhängigkeit besteht weiter, bzw. ist evtl. in die “post-koloniale Phase 2.0″ übergegangen. Denn, wer hat es so schön gesagt: Wer die Produktionsmittel besitzt, der kontrolliert die Menschen. Wenn man wirkliche Unabhängigkeit will, sollte man dieses Problem ebenfalls angehen. Allerdings wird es dann schwer mit der Jobsituation hier in Deutschland, wenn die “hochgelobten”, in Deutschland wohnhaften Ingenieure arbeitslos werden und wir alles im Ausland kaufen. Wie gesagt, eine volkswirtschaftliche Sackgasse!
———
Jetzt das Totschlag-Argument “Wettbewerbsfähigkeit”. Zunächst die Frage: Gegenüber wem wettbewerbsfähig? KIK, Nike oder Channel? ;) Gerne wird in Diskussion über Wettbewerbsfähigkeit der niedrigste Preis hergenommen ohne zu berücksichtigen, dass die Menschen auch Shirts für 60 Euro oder auch Hosen für 160 Euro anhaben. Siehe z.B. auch das Beispiel “Ed Hardy”. Mit dem Argument des Wettbewerbs kann man jegliche ethische Bemühungen zunichte machen. Allerdings vergisst die Diskussion die besondere Stellung unserer ökorrekten Branche. Denn dort ging und geht es auch schon immer um Aufklärung der Konsumenten. NIEMAND kauft fair, ohne zu wissen, was denn der “Mehrwert” daran ist. Das heißt, unsere Arbeit ist immer auch verbunden mit Aufklärung über Produktionsverhältnisse, Welthandel, Umweltproblematiken usw. Das Wettbewerbs-Argument ist deshalb ein Totschlag-Argument, weil es nicht nur von Indien-FairTrader zu Deutschland-FairTrader eingesetzt werden kann, sondern auch von Nicht-FairTrader zu FairTrader. Sprich: Scheiß auf den Wettbewerb. Es geht um Transparenz, gerechte Löhne und faire Gewinnspannen. Machen wir das demjenigen klar, der an einem unserer Kleidungsstück interessiert ist, ist die Frage nach “Wo bekomm ichs noch günstiger” nicht mehr sooo relevant! Soll heißen: Unser Verkauf geht einher mit der Information des Kunden über die Produktion in Deutschland und ihre Vorteile so wie Nachteile. Sind wir authentisch, kauft der Kunde. Dass das Informieren nicht immer einfach ist steht außer Frage. Aber eben das macht unsere Branche aus. Unsere Hosen kosten die gleichen 129,- Euro wie die Hosen von anderen im Ausland produzierenden FairTradern! :)
———
Kommen wir zum Konsumenten und zum Anteil der Ausgaben für Kleidung am Gesamteinkommen. Ist nicht einfach bei den riesigen Einkommensunterschieden in Deutschland, aber so weit will ich es nicht ausdifferenzieren. Dass die Einkommensunterschiede zu groß sind steht außer Frage. Generell ist zusagen, dass der ausschweifende Konsum hier bei uns maßgeblich mit den günstigen Arbeitskräften zu tun hat, die wir zur Verfügung haben. Geht man davon aus, dass es allen Ländern mal so gut wie uns gehen soll, ist ein FairTrade-Shirt für 15,- Euro einfach nicht mehr machbar. Für uns stellte sich irgendwann die Frage: Was würde ein Shirt kosten, wenn ich es selbst produzieren müsste? Dies ist genau die Richtung, die wir einschlagen wollten. D.h. die Produktion in Deutschland unter gleichen Standards, die auch der spätere Konsument für sich beansprucht, steht in einem recht nachhaltigen Verhältnis zu den Konsumentenstandards. Dauerhaft ist dieser Konsumwahn einfach nur durch Ausbeutung machbar. Deshalb ist es am nachhaltigsten, wenn derjenige, der für mich produziert, das gleiche Einkommen und die gleichen Standards (man muss auch Infrastruktur, Sicherheit etc. dazu zählen, nicht nur das reine Einkommen) hat, wie ich selbst. Aus unserer Sicht war der Weg, deshalb vor Ort zu produzieren, erstmal der vernünftigste, um reelle Preise zu generieren. Nun ist dieses Ziel aber nicht nur durch die Produktion in Deutschland zu erreichen, sondern wäre z.B. auch machbar, indem man nicht nur den FairTrade-Lohn in z.B. Indien bezahlt, sondern die Differenz zwischen deren Lohn und dem deutschen Lohn in Entwicklungshilfe steckt. Alles den Arbeitern auszuzahlen wäre unvernünftig und dies würde die Einkommensunterschiede in Indien gravierend verstärken. Stattdessen sollte die Differenz in Infrastruktur o.ä. gesteckt werden, um die Standards schnellst möglich anzugleichen. So bekämen ärmere produzierende Länder enorm viel Unterstützung auf ihrem Weg der Unabhängigkeit und zugleich wäre das Preisniveau für den Konsumenten gewahrt, der somit den gleichen Preis bezahlen würde, wie wenn der eigene Nachbar das Shirt produzieren würde. Verdächtig ist nämlich, dass es dem Konsumenten und Herstellern natürlich einen Eigennutz bringt, im Ausland produzieren zu lassen und daher die angeblichen Anstrengungen, den Indern (o.a.) etwas Gutes tun zu wollen, unglaubwürdiger werden, da man selbst davon enorm profitiert und das eigen Konsumverhalten nicht kritisch hinterfragen muss. Warum also nicht die 7,50 Euro pro Stunde (lieber mehr!) nach Indien fließen lassen, wenn man es so gut mit ihnen meint? Zack… und schon wieder das Totschlag-Argument “Wettbewerbsfähigkeit”. Oder doch Zwänge der Konsumsucht? ;)
———
Zum Schluss will ich auf unsere Sichtweise eingehen. Für uns spielt es, außer aus ökologischen Gründen, keine Rolle wo wir produzieren. Wichtig ist uns einzig und alleine eine ausgeglichene Verteilung. Da alle in Indien oder sonst wo sind, sind wir hier in Deutschland. Denn auch hier bangen Menschen um ihre Arbeit und gehen an der Angst vor Arbeitslosigkeit kaputt. Vergessen werden darf nicht, dass unsere Stoffe bisher von Lichtschatz kamen und somit von der Baumwolle bis zum gewebten Stoff aus der Türkei! Gut so. :) Unsere zukünftigen Stoffe kommen, jetzt ratet mal… aus Indien. Die Inder haben einfach mehr Ahnung von Pflanzenfarben. :) Um die Verteilung ausgewogen zu halten, werden die Sachen dann hier in Deutschland zusammengenäht und bestickt. Des weiteren arbeiten wir an einem Konzept, wie wir die Kosten, die wir und somit der Konsument, durch die Produktion in Indien einspart, ausgleichen können, indem wir, wie oben beschrieben, die Differenz z.B. in umliegende Infrastrukturprojekte stecken. Auch weil wir bald bestimmte handgestrickte Accessoires von einem Frauenprojekt in Indien beziehen werden. Verhindern wollen wir, dass der Konsument diesen Vorteil der günstigeren Produktion ausbeuten kann und weiter den Eindruck behält, als könne man dauerhaft den begehbaren Kleiderschrank günstig füllen. Und ich denke wir werden einen Weg finden. Dieser wird weder schwarz noch weiß sein, sondern eher etwas gräulich. Doch am liebsten völlig kunterbunt! :)
November 6th, 2009 um 14:12
M.
Björn erfreut uns mit einem ganzen Buch, danke :) Im Ernst, ich will jetzt nicht auf alles genau eingehen, zumal der Eintrag hier ja eh schon nach unten durchgereicht wird und somit wohl nicht mehr viele Leute mitlesen. Anyway, ein Randthema in dieser Diskussion ist mir dann doch noch wichtig:
(1) Eine Rassismus-Definition, die mit Rassen ankommt, ist von vornherein selbst rassistisch – das ist wirklich der Stand von Vorvorgestern. Rassismus beschreibt heute die Diskriminierung alles “Andersartigen”, sei es auf Grund von Weltanschauung, Religion, Hautfarbe, sexueller Orientierung oder weiß der Henker was. Nationalismus wiederum – die Erschaffung von Gemeinschaften auf Grundlage von Schwachsinnigkeiten wie Herkunft, Sprache, Relgion, ect. – funktioniert durch Ein- und Ausgrenzung. Kurz gesagt: Rassismus. Deshalb stimmt auch “tendenziell rassistisch” (genauso wie da auch nationalistisch passt).
(2) Mein “Aufruf” :)) bezog sicht auf Kleidung, nicht Kaffee.
(3) Preise. Ohne da jetzt zu viel zu schreiben, aber wir müssen schon der Realität ins Auge sehen, dass T-Shirts für 40, 50 oder 60 Euro einfach für extrem viele Leute nicht zahlbar sind. Ist im übrigen auch der Grund, warum wir uns mit Sunimar mittlerweile versuchen, auf ein vertrettbares Preis-/Leistungsverhältnis zuzubewegen. Dafür machen wir auf allen Seiten Abstriche aber haben immer noch gute, zertifizierte Bio-Baumwollshirts.
Es grüßt der M.
November 6th, 2009 um 18:54
gluecksstoff
Schön, dass du meinen Eintrag honorierst. Schade, dass du es nicht ernst meinst. Gibts da nicht so ein schönes Zitat? “Erst machen sie sich lustig über dich, dann bekämpfen sie dich…” ;)
(1) Wer definiert Rassismus so? Und was ist dann Xenophobie? Ist das nicht eigentlich die Angst vor Fremdem und Andersartigem? ;)
(2)Das Kaffeebeispiel diente lediglich zur Bekräftigung deiner These von post-kolonialen Ausbeutungsverhältnissen. Aber damit ichs richtig verstehe. Deine Plädoyer für die Produktion im Ausland gilt nur für Klamotten? Warum nicht für Kaffee?
(3)Totschlag-Argument! ;) Und außerdem…”vertretbares Preis-Leistungs-Verhältnis”? Soll das im Rückkehrschluss heißen, dass unsere Näherin Elena nicht genug leistet, um später 40 Euro für ein Shirt zu verlangen? Bei einem ausbaubaren Stundenlohn von 7,50 Euro Netto wohlbemerkt. Alleine der Anteil der Nähkosten beträgt für ein Shirt 4-6,50 Euro. Ohne Stickerei, ohne Färbung, ohne Material, ohne Gewinn, ohne Werbeausgaben, ohne Steuern, ohne Transport, etc. Klar, man könnte die Lohnkosten drücken. Ist ja ne beliebte Masche und größter Kostenfaktor. Aber wollen wir das? Und es sollte erwähnt werden, dass wir noch keine Villa besitzen. ;)
PS: Es gibt Leute die mitlesen. Das lass ich als Ausrede nicht gelten. ;)
November 7th, 2009 um 01:13
Markus
Aaaargh Björn, du kannst einen echt latent in den Wahninn treiben ;) Du vergleichst hier echt Äpfel mit Birnen und backst zwischendrin noch einen anderen Kuchen!!
Alleine schon das mit den “bösen” Maschinen aus BRD die zum Spinnen etc benutzt werden und somit die armen Menschen in Asien ausbeuten ist doch unfug!
Ich sitz hier gerade an nem Samsung-Laptop, werd ich nun auch von den Asiaten ausgebeutet? ;)
Es ist zB auch so, dass viele asiatischen Produzenten die deutschen Maschinen benutzen weil sie einfach zuverlässig sind und gute Qualität liefern. Sollte Dir, für einen der in BRD Arbeitsplätze schaffen will, nicht ganz unrecht sein oder? ;)
In Deutschland kannst du übrigens auch Arbeitsplätze erhalten / schaffen wenn du es schaffst zB in Indien das Lohnniveau zu steigern…das man nur so nebenbei erwähnt. Und dazu musste dort auch was bewegen….
Over and Out!
Markus
November 7th, 2009 um 06:54
M.
Hey Björn, wieso meine ich das nicht ernst? Ich finde es gut, tue mich zugebenermaßen aber auch schwer (bzw.: will einfach nicht) auf alles ein(zu)gehen. Zumal Du auch mal versuchen könntest, in den Argumenten anderer etwas sinnvolles zu finden, statt bei jeder Aussage krampfhaft nach einen Gegenargument zu suchen.
(1) Ich will hier jetzt nicht groß vom Leder ziehen, aber die von mir genannte Rassismus-Definition ist die in Sozial- und Politikwissenschaften heute wohl am weitesten verbreitete (aber hey, Wissenschaft, immer in Diskussion). Rassen sind – außer bei Rechtsaußen-Schwachmaten – seit Ewigkeiten vom Tisch, weil genetisch eben nicht haltbar. Deshalb müssen ja jetzt auch andere Kriterien herhalten (v.a. Kultur und Religion). Bei Xenophobie hast Du wohl Recht – Angst vor …
(2) Du drehst mir die Worte im Mund herum … hier ging es um Kleidung, darauf habe ich mich bezogen. Ende.
(3) Ist kein Totschlagargument. Ich rede ja auch von einem Verhältnis, nicht davon, das wir demnächst H&M-Preise haben müssen. Im übrigen habe ich überhaupt kein Problem damit, wenn sich irgendwer im höherpreisigen Segment positioniert. Da muss man sich gar nicht angepisst fühlen. Aber es ist dann eben auch Realität, dass die Zielgruppe ein bisschen Geld haben muss. Gilt ja eine Etage tiefer auch für meine Sachen, ich bin noch nicht auf kik-Niveau runter :)
Nichts für ungut, schönen Samstag – M.
November 7th, 2009 um 11:24
Ingmar
Komplexes Thema mit komplexer Diskussion – ich würde M. im Wesentlichen unterstützen, aber auch viele Ausführungen von Björn.
————————
Das Problem bei der Diskussion ist, dass hier schnell politische Grundsätze berührt werden – im Wesentlichen die Frage nach der “richtigen” ökonomischen Ausrichtung und den damit Verbundenen sozialen Auswirkungen.
Wir sollten uns aber immer tunlichst davor hüten A gegen B (oder halt Indien gegen Deutschland, besser EU) auszuspielen (sprich die Karte des “nationalistischen Standortvorteils2 zu spielen). Was ja mAn die Grundfrage der Diskussion ist. Armut und Reichtum – gute und schlechte Arbeitsbedingungen lassen sich nur innerhalb gleicher Bezugsrahmen vergleichen. Einem Berber (selbstbezeichnung der “Obdachlosen”) in Deutschland geht es “besser” als seinem Kollegen in Indien – aber immer noch viel schlechter als der Verkäuferin bei Lidl oder Kaisers.
————–
Die Verlagerung von “unqualifizierter” und tendenziell unökologischer Produktion von den industriellen Zentren an die “Peripherie” hat viel mit dem Themenkomplex Kaptial und Arbeit und deren konkreten VertreterInnen zu tun (Kapital flieht vor der Macht der ArbeiterInnen) – dazu hat ja Kalle Chemitz recht ausführlich (aber weitgehend unverständlich) beschrieben – da gibts aktuell eine ganz lesenswerte Zeitschrift der “Zeit” zu, für die, die es interessiert.
Von daher ist es erstmal (abgesehen vom ökologischen Faktor) prinzpiell egal, wo produziert wird. Entweder stimmen die Arbeitsbedingungen – oder nicht – und beides schlägt sich im Preis nieder.
—————————
Interessant ist die Frage der Veredelung gerade auch aus ökologisher Sicht. Bei vielen Produkten wäre es sinnig, dass diese vor Ort veredelt werden sollten (Stoffe) bei anderen eher nicht oder unwichtig (Kaffee). Wobei natürlich wieder die Umweltstandards mitspielen – z.B. beim Stoffe färben ohne Kläranlagen.
Am Beispiel einiger afrikanischer Länder läßt sich “schön” sehen, was passiert, wenn billige abgelegte Kleidung (oder subventioniertes Milchpulver) aus der EU den lokalen Markt überschwemmt – die einheimische Porduktion wird unrentabel, bricht zusammen, die Leute werden arbeitslos und nehmen dann “gerne” auch beschissene Arbeit an, um sich die Sachen aus dem globalen Norden leisten zu können. Eine Entwicklung die Europa im 19.Jhd durchgemacht hat und angesichts von Arbeitslosigkeit auch auf die Industrienationen zurückfällt (Hartz IV und die daraus resutierende “industrielle Reservearmee”).
——————————-
Ein Lösungsvorschlöag ist ja der Ausbau der “solidarischen Ökonomie”, um so Inseln zu schaffen von denen aus Veränderung wirksam werden kann. Den will ich hier aber nicht ausbreiten – ich komme aber gerne vorbei und mache eine Veranstaltung zu dem gesamten Themenkomplex (der Bildungreferent läßt mich halt doch nicht los).
Lange Rede kurze Sinn (und utopischer Ausblick) – etwas länger und gut verständlich ist das in dem Buch “subcoma” von p.m. beschrieben – Gesellschaften sollten so organisiert sein, dass die Grundbedürfnisse vor Ort gedeckt werden können und fehlende Bedürnisse getauscht werden können. Das wird aber nicht mit dem “Manchester”-Kapitalismus klappen…
November 7th, 2009 um 11:48
IndiaFling
Zu Fairliebt würde ich an dieser Stelle gerne noch auf den letzten Punkt eingehen… wieso sollte man niedrigere Preise nicht an den Verbraucher weitergeben? Sollte es nicht unser aller Ziel sein, ein wirklich komplett konkurrenzfähiges Fairtradeprodukt auf den Markt zu bringen. Also eines, das in Preis und Qualität stimmt. Eines, das nicht mehr dazu führt, dass solche Produkte ein Randdasein führen, weil sie für den Ottonormalverbraucher nicht erschwinglich sind?
Mir ist unklar, wie Du einerseits sagen kannst, dass es den Deutschen auch sehr schlecht geht, sie Angst um ihre Arbeit haben und dass alles noch schlimmer wird. Auf der anderen Seite sollten doch genau diese gleiche Leute auch sehen, dass Kik keine Lösung ist. Wenn wir also weiterhin die Preise hochhalten, dann bleiben wir bei einem elitären Produkt. Das kann doch nicht die Lösung sein
Und ganz ehrlich: Faire Produktion aus Biobaumwolle ist ohnehin nicht so drastisch teuer, dass wir hier Wahnsinnspreissprünge rechtfertigen könnten. Weder uns selbst noch dem Verbraucher gegenüber: Weil Fairtrade bedeutet meiner Meinung nach auch fair zum Verbraucher. Und die Realtität derzeit und auf unbeschränkte Sicht ist doch, dass Textilien aus Asien kommen… wieso sollen wir also heute den Verbraucher darauf vorbereiten, dass er in hundert Jahren mal mehr zahlen muss, als heute?
Ich denke, das Ziel muss sein: Eine Marke à la H&M in Fairtrade und Bio, dann sind wir angekommen. Im Endeffekt geht es doch darum, möglichst vielen Menschen im Bereich Textil ein faires Auskommen zu geben. Und das geht nur, wenn wir die Massen erreichen. Und das läuft in erster Linie (leider) über den Preis.
November 7th, 2009 um 17:47
IndiaFling
Chaos, ich meinte den letzten Absatz des langen Eintrags von glücksstoff :-) sorry für die Verwechslung…
November 7th, 2009 um 17:49
Björn Hens
Also Äpfel und Birnen kann man durchaus vergleichen, vor allem wenns um die Frage geht, was davon besser auf dem Kuchen schmeckt, den ich hier virtuell backe. ;) Aber im Ernst, etwas konkreter und ich könnte auch darauf eingehen. :) Abgesehen davon laufen 95% der PC´s mit Windows. ;) (jetzt dürfen die Inder mal nen Markus erleben, der total ausflippt, schätze ich) ;)
———
Zur Klarstellung: Ob Indien oder Deutschland, beides dufte! Wie Ingmar schon sagt, man sollte es nicht gegeneinander ausspielen. Die Mischung machts. Und wie Thorsten gesagt hat, ist es gut, dass wir dies bei KK haben. Da wir uns aber in dieser Frage autonom verhalten wollen, mischen wir bei glücksstoff selbst schon mal ein bisschen. :)
———
Das die Rassentheorie nicht haltbar ist find ich ebenso dufte und geb dem M. gerne Recht, dass der Begriff heute wohl nicht mehr so eng gesehen werden darf. Ein Fehler meinerseits. Aber wie gesagt, die Inder zu bevorzugen ist dann ebenso tendenziell rassistisch, wie die Deutschen zu bervorzugen. ;)
———
Zum “Wort im Munde drehen”: Ich stelle Fragen! In deinem Mund hab ich gar nichts zu suchen. :)
———
Angepisst fühl ich mich in keinster Weise. Ich wollte nur feststellen, dass die Auslegung von “Preis-Leistungs-Verhältnis” recht relativ ist. In Deutschland kostet die Leistung mehr als in Indien, aber ist dies deshalb weniger vertretbar? Es ist doch nicht fair, dass der deutsche Arbeiter mehr für seine Leistung bekommt, als die indische Näherin, oder? Ein kleines Gedankenspiel: Könnten wir nicht noch günstiger produzieren, indem wir Labelinhaber unseren eigenen Standard senken und somit weniger Gewinn nötig wäre, um die Firma am Laufen zu halten? Soll heißen: Würden wir nach Indien auswandern und von dort aus die Labels führen, wären die Sachen doch noch günstiger für den Kunden. Aber auf unseren eigenen Standard wollen wir ja nicht verzichten. ;)
——–
@ IndiaFling: Keiner hat gesagt, dass niedrigere Kosten nicht an den Verbraucher weitergegeben werden sollen. Wenn man entsprechend deutschen Lebensverhältnissen produziert, sind die Kosten aber eben nicht niedrig. Und es geht NICHT um willkürliche Preisgestaltung wie bei anderen Trend-Firmen! Und elitär sind die Produkte nur, weil es auch in Deutschland viel Armut gibt. Aber das könnte evtl. mit fehlenden Arbeitsplätzen und der Flucht des Kapitals in renditeträchtigere Regionen zusammenhängen. ;) Was uns irritiert ist folgendes: Stimmen unsere Sachen denn nicht in Preis und Qualität? Wer bestimmt, wieviel ein Shirt kosten muss? Hat der Ottonormalverbraucher wirklich zu wenig Geld, oder liegen die Prioritäten einfach woanders? Die Realität ist wie sie ist? Falsch. Die Realität ist die Summe der Auswirkungen unseres Handelns. Produzieren wir in Indien, ist das Realität. Produzieren wir in Deutschland, dann ist eben das Realität. Realität ist gestaltbar, anders als dies die Neoliberalen immer gerne behaupten! Und global gesehen führt diese doofe “Konkurrenzfähigkeit” zu einer Abwärtsspirale. Das kann man leicht erkennen, wenn man sich mit globalen Daten auseinandersetzt. Was die Preise in hundert Jahren angeht: Wenn wir heute anfangen, fairer zu bezahlen, dann dauert es keine Hundert Jahre mehr! Wäre eine schnellere Angleichung nicht wünschenswert? Ich denke, wir (Kunden) zahlen gerne nur so viel, wie wir müssen, um die Arbeiter bei Laune zu halten und das schlechte Gewissen zu bereinigen. Wir (glücksstoff) stehen aber nicht so sehr auf Ablass, sondern mehr auf radikale Umverteilung!
———–
Interessant ist, das M. kein H&M Niveau will, IndiaFling dies aber als Endziel sieht. Eine Diskussion zwischen diesen beiden Positionen würde mich interessieren.
———
@ Ingmar: Toller sachlicher Beitrag. Auch wenn ich mich in manches noch einlesen müsste. :)
——
Und zum M. Ich suche nicht krampfhaft nach Gegenargumenten, ich bin nur anderer Meinung. Da liegt es in der Sache selbst, dass ich dir nicht immer zustimmen kann. ;)
—–
Eine Frage hätte ich noch. Hier wurde nun viel von vertretbaren Preisen, einem anständigen Preis-Leistungsverhältnis und von ärmeren Schichten in Deutschland gesprochen, die sich ja auch FairTrade leisten können sollten. Meine Frage: Was macht ihr denn, wenn Indien teurer wird auf Grund der besseren Lebensverhältnisse, die ja angestrebt werden? Entweder werden die Sachen dann teurer und die ärmeren Deutschen könnte sie sich wieder nicht leisten, oder man zieht weiter ins nächste Land, was für ein anderes Land toll wäre (ich versteh eh nicht ganz, warum in einem Schwellenland und nicht lieber in einem Entwicklungsland produziert wird, wenns doch darum geht, den ärmsten zu helfen), aber die Inder dann arbeitslos zurücklassen würde. Die Diskussion soll nicht weiter ausarten, weil ich hier doch alle lieb hab. Aber das würde mich schon noch interessieren. Vielleicht ein paar kurze Antworten dazu?
———————–
Abschließend will ich nochmals sagen, dass ich es gut finde, was hier auf die Beine gestellt wird. Egal ob in Deutschland oder sonst wo. TOP! :) Auch wenn viele hier “sonstwo” als einzig richtig ansehen und dies meinen Vorwurf der schwarz-weiß Malerei rechtfertigt. Aber das “einzig Richtige” gibts eben nicht. Die Mischung machts. :) Wie schon gesagt, am liebsten kunterbunt. Peace! :)
November 9th, 2009 um 13:21
mathias
Wow. Da guckt man nen paar Tage nicht vorbei und dann ist hier so eine Diskussion.
Ich würde Björn vor allem in dem Punkt: “Kein Schwarz-Weiss” zustimmen.
Mit fairliebt. produzieren wir derzeit in allen hier genannten Richtungen.
Unsere Shirts kommen seit jeher aus Kenia. In meinen Augen ist die Zusammenarbeit mit LamuLamu als Produzenten schon zimelich perfekt. Fairgehandelte BioBaumwolle, existenzsichernde Löhne in der Näherei und ein von den ArbeiterInnen selbstverwaltetes Mikrokreditsystem. Wir bekommen hervorragende Ware, das Geld fliesst in ein strukturschwaches Land und an Menschen die es wirklich brauchen.
Die Kollektion haben wir in Hamburg nähen lassen, bald kommt ein Raglan-Sweater (Pst!;), der wiederum aus Indien stammt.
Wie gesagt, das Projekt in Kenia finde ich großartig und würde am liebsten ausschliesslich mit Produzenten die dermassen “korrekt” sind zusammenarbeiten, doch findet man solche überzeugenden Projekte ja nicht an jeder Ecke!
Daher sehe ich die Sache recht unideologisch: Wenn ich kleine Auflagen nähen möchte, aufwändige Schnitte, ein breites Angebotsspektrum und vlt sogar auf Nachfrage produzieren lasse, entscheide ich mich für eine lokale Produktion. Kurze Wege, ich kann direkt absprechen wann die Produkte zur Abholung bereit stehen. Wenn ich aber größere Auflagen benötige, spricht sehr wenig gegen eine (zertifizierte!) Produktion im Ausland.
Es wurde ja schon das Ricardo Theorem angesprochen.
http://de.wikipedia.org/wiki/Au%C3%9Fenhandelstheorie#Theorie_der_komparativen_Kostenvorteile
Wenn andere Produktionsstandorte (bei existenzsichernden Löhnen!) in der Lage sind ein Produkt günstiger herzustellen, sollte man diese Chance auch nutzen!
Aber wie gesagt: Die Mischung macht´s. Wenn jetzt alle in Indien produzieren, wird es dort auch bald teurer ;-)
(Was uns Supergeschäftemacher ja freuen sollte!)
November 9th, 2009 um 13:37
sunimar
Online-Diskussionen sind meistens ziemlich unnütz, ganz besonders dann, wenn von A über B zu C und D gesprungen wird. Ist jetzt keine neue Erkenntnis, aber egal. Ist auch die Frage, ob das alles in solch ein Blog gehört – es posten ja dann doch fast nur kk-Leute, die sich (ich schließe mich ein) irgendwie ja auch zu nerdigen Affen machen. Früher gab’s mal so nette Yahoo-Groups. Wenn schon online, dann wäre das vielleicht sinnvoller. Was mir immer wieder auffällt, ist, dass hier 20 Leute mit 20 Ausgangs- oder Grundpositionen in eine Diskussion gehen und dann scheinbar meinen, mann wäre sich in den Grundlagen ja eh einig. Sind wir aber nicht. Wir haben hier Leute, die das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem im Grunde ok finden, aber wollen, das Leute in Schwellenländern mehr verdienen. Dann gibt’s andere, die sich vielleicht Antikapitalisten nennen und mit “fairem Handel” die Welt auf lange sicht komplett umkrempeln wollen. Dann kommen die Syndikalisten dazu, die eine konkrete Vorstellung von einer “solidarischen Ökonomie” haben. Vielleicht haben wir hier auch Hardcore-Unternehmer, die einfach Bio/Fairtrade als lohnende Nische entdeckt haben. Und eigentlich gehören sie meiner Meinung nach auch alle auf kk (das heißt allerdings nicht, dass ich alle gut oder schlüssig finde). Und zum Abschluss noch eine Frage: Wie viel Mackertum steckt eigentlich in der Diskussionswut? :) Ich bin raus!
November 9th, 2009 um 13:53
jongleuse
hallo Sunimar,
Bloß weil hier nur Insider diskutieren, heißt das nicht, dass sonst keiner mitliest…
ich finde die Diskussionen hier sehr spannend und lehrreich, allerdings fehlt mir das Fachwissen, um selbst mitreden zu können…
nur mal so ;)
November 9th, 2009 um 19:48
Björn Hens
@jongleuse: :)
——-
Was die Grundpositionen angeht geb ich Sunimar völlig recht. Ich muss zugeben, dass ich dies nicht bedacht habe. Vielleicht Stoff für die nächste spannende DIskussion! ;)
——–
Mackertum? Check ich nicht ganz. Also bei mir ist das einfach der Drang, keine Missverständnisse aufkommen zu lassen und meine Stimme zu erheben für das, was ich für wichtig halte. Die Welt hat schon genug davon! Sowohl von Missverständnissen, als auch von schweigsamen Menschen. :(
——
Und jetzt raus damit, wo sind die eiskalten Geschäftemacher? ;)
November 9th, 2009 um 20:31
Thorsten
@ Sunimar: Ok, die Debatte zu den Standards kann man abhacken, aber ich hätte auch gerne die Erklärung zu Mackertum. Meinst Du die “männlich” geprägte Diskussion???
@ Björn: Die eiskalten Geschäftemacher werden hier vermutlich nicht schlummern. Aber es macht wahrscheinlich schon einen ziemlichen Unterschied, ob man sein “Baby” hier hauptberuflich/ nebenberuflich oder als Hobby betreibt.
Wer seinen Laden/Label als “Hauptberuf” betreibt, muss natürlich monatlich ganz andere Einnahmen haben, allein schon die Versicherung für Selbstständige!
Wer es als Hobby betreibt, freut sich wenn mal 200€ im Monat hängen bleiben, ist aber nicht wirklich drauf angewiesen…
Ich denke mal, das hat auch einen ziemlichen Einfluss auf die Verkaufspreise…
November 10th, 2009 um 14:48
Björn Hens
@ Thorsten: Geb ich dir absolut recht. Und da das der Kunde nicht weiß, wer davon leben muss und wer nicht, entsteht leider das Problem, dass man die teureren Klamotten leicht als zu überteuert ansehen kann, wenn man die günstigen Klamotten daneben hängen sieht. Über die Hintergründe, wie wirtschaftlich tragbar die jeweiligen Labels sind, erfährt keiner was.
November 11th, 2009 um 15:01
Micha
“Daher sehe ich die Sache recht unideologisch: Wenn ich kleine Auflagen nähen möchte, aufwändige Schnitte, ein breites Angebotsspektrum und vlt sogar auf Nachfrage produzieren lasse, entscheide ich mich für eine lokale Produktion. Kurze Wege, ich kann direkt absprechen wann die Produkte zur Abholung bereit stehen. Wenn ich aber größere Auflagen benötige, spricht sehr wenig gegen eine (zertifizierte!) Produktion im Ausland.”
Dem kann ich vollkommen zustimmen. Kleinere und aufwendige gestaltete Mengen machen aus Afrika, Asien kaum einen Sinn, da die Produktionen dort fast ausschließlich auf Massenproduktion ausgerichtet sind. Auch die Kommunikation ist in Deutschland bzw. Westeuropa deutlich einfacher und schneller, was gerade bei aufwendigen Produktionen ein enormer Vorteil ist. Braucht man aber mehrere hundert oder tausend Standard-Sachen ist eine zertifizierte Produktion in Indien, Afrika, etc. fast immer die attraktivere Wahl, da der Preisunterschied trotz Zertifzierung dann enorm ist und gerade Basics schwer zu einem Preis bei deutscher/westeuropäischer Produktion zu verkaufen sind.
November 12th, 2009 um 11:59
Björn Hens
Ich geb euch absolut recht. Und bei Massenproduktion ist es auf jeden Fall attraktiver und die Preise leichter zu vermitteln. Allerdings gilt hier genau wie so oft: Angenommen wir würden jetzt auch günstiger im Ausland produzieren lassen, dann hat es der nächste, der unter hohen Standards vor Ort produzieren lassen will, es noch schwerer, als wir es jetzt haben. Da durch uns die Anzahl derer steigen würde, die in der Summe bewirken, dass der Kunde schwer zu überzeugen ist, in Deutschland produzierte Ware zu kaufen. Irgendjemand muss eben mal anfangen. Und man sollte vor allem ethische Entscheidungen nicht abhängig von “den anderen” werden lassen. Tendenziell gefährlich! ;)
November 12th, 2009 um 17:59
René
ich will als völlig Unbedarfter doch ein bisschen was zur Diskussion beitragen :-).
Meine Frau und ich sind früher (before Baby) gerne nach Indien gefahren, meist auch mit “fair” orientierten Reiseveranstaltern. Tatsächlich wurden die Angestellten dort überdurchschnittlich gut bezahlt. Aber wehe, wehe eine(r) wurde krank, dann gab es eine Lohnfortzahlung von 3 Tagen bis 1ner Woche danach gar nix mehr (in einigen Fällen auch von Anfang an nichts). Wurde der Hauptverdiener schwerverletzt oder sehr krank, konnte das ganze Familien ins Unglück stürzen. Das hat dazu geführt, dass viele auch noch richtig krank gearbeitet haben. Kündigungsschutz war auch so gut wie Essig. Und hier sehe ich den Vorteil von einer Produktion in Deutschland oder Österreich. Hier gibt es einfach ein ganz anderes Arbeitsrecht. Klar, auch hier gibt es Misstände, aber niemals in diesem Ausmaß und niemals mit der Maxime “Wer krank ist, ist selber schuld”. Darum vor allem würde ich immer in Deutschland oder Österreich produzierte Ware vorziehen!
November 13th, 2009 um 20:14
Dein Kommentar