Produzentenbesuch, Teil 1: Cia Textil Centroamericano, Costa Rica

Von am 08. Mrz. 2010


Vor einem Monat war ich zum ersten Mal in der Fabrik in San José, Costa Rica, zu Besuch, in der die Stoffe für unsere T-Shirts gestrickt und gefärbt werden. Und jetzt gibt’s auch einen kurzen Bericht dazu.

Costa Rica ist ja in mancher Hinsicht ein eher untypisches mittelamerikanisches Land: es hat ein recht stabiles demokratisches System, seit 50 Jahren keine Armee mehr, eine breite Mittelschicht mit hohem Lebensstandard und eine sehr gute Gesundheitsversorgung. Und es setzt statt Lohndumping und Standortkonkurrenz auf eine nachhaltigere Entwicklung mit hohen Umweltstandards und will Touristen mit dem (manchmal arg überstrapazierten) Stichwort Ökotourismus ins Land ziehen. So wundert es dann auch nicht, dass Costa Rica nicht gerade ein bevorzugter Standort für die meisten Textilproduzenten ist. Die gehen lieber nach z.B. Honduras, wo sie – seit dem Miltärputsch im Juni 2009 sogar noch ungestörter – Arbeits- und Menschrechte mit Füßen treten können.

Auch Cia Textil Centroamericano, die Fabrik, in der die Stoffe für unsere T-Shirts gestrickt und gefärbt werden, hat schon bessere Zeiten erlebt. Die Fabrik existiert seit 1953, und noch vor 15 Jahren waren 600 Menschen dort beschäftigt. Unter dem Druck der Billiglohnkonkurrenz anderer Länder musste sich Cia jedoch verkleinern. Einige Maschinen wurden verkauft und die Belegschaft beträgt heute nur noch 160 Angestellte. Bemerkenswert ist jedoch, dass Cia trotzdem nicht versucht, an allen Ecken und Enden zu sparen. Stattdessen setzt das Familienunternehmen auf Transparenz, Qualität und hohe Arbeits- und Umweltstandards. Zum Beispiel wurde die Fabrik letztes Jahr als Teil der Produktionskette für Maggie’s Organics aus den USA nach einem amerikanischen Standard namens Fair Labour Practices & Comunity Benefits zertifiziert, dessen Standards hier einsehbar sind.

In vielen Bereichen gehen die Standards bei Cia weit über die gestzlichen Bestimmungen hinaus. So existiert eine Krankenstation, in der vormittags eine Krankenschwester und für zwei Stunden täglich ein Arzt Sprechstunde haben. Dem Betriebsrat wird ein kleines freistehendes Häuschen inklusive Computer als Büro und Versammlungsraum zur Verfügung gestellt. Das Essen in der Kantine wird teilweise von der Firma finanziert. Und die niedrigste Lohngruppe von NäherInnen verdient bei einer regulären 48-Stunden-Woche ein Gehalt von 14% über dem gesetzlichen Mindestlohn.


Auch Sicherheit und Umweltaspekte werden groß geschrieben. Gerade beim Umgang mit Farben und Abwässern setzt der Costa Ricanische Staat hohe Standards. Die Fabrik verfügt über eine eigene Kläranlage, von der die staatliche Umweltbehörde jeden Monat Proben entnimmt, die im Labor geprüft werden. Denn nur so können die hohen Standards für die Sauberkeit des Wassers eingehalten werden. Das Resultat einer solchen Politik: in Costa Rica verfügen über 90% aller Haushalte über trinkbares Leitungswasser. Bei Cia Textil kommt außerdem niemand, der kein genaues Training erhalten hat und Schutzkleidung trägt, mit Farben überhaupt in Berührung.

Als Fazit des Besuchs bleibt: zwar ist Cia Textil nicht explizit ein “social business” oder ein genossenschaftliches/kooperatives Projekt. Aber die Fabrik ist ein “Traditionsunternehmen”, das bewusst Standards und Werte vertritt und diese auch nach außen kommuniziert. Und auch das erfordert in Zeiten von starker Billiglohnkonkurrenz Mut. Denn mit einer solchen Firmenpolitik wird in der Textilbranche leider nur eine kleine Minderheit von Kunden erreicht, die auf genau diese Werte setzen.