Vom strategischen Konsum zur Weltrevolution?

Von am 01. Dez. 2009


Zurzeit finden sowohl in Kirsten Broddes Blog “Grüne Mode” als auch auf “Korrekte Klamotten” eine ähnliche Diskussion statt. In diesen geht es um die Interventionsmöglichkeiten einer Verbesserung der weltweiten Umwelt- und Sozialstandards. Was kann der so genannte “strategische Konsum”? Wo sind seine Grenzen? Wie wichtig ist ist eine politische Intervention? Welche konkreten politischen Forderungen könnten dazu dienen die Rechte von (Textil-)ArbeiterInnen zu stärken?

All diese Fragen begleiten mich seit mehreren Jahren. Bereits am Anfang meines Studiums habe ich begonnen mich mit den Strukturen der globalen Ökonomie zu beschäftigen. Nicht zuletzt trug schon meine 2004 geschriebene Magisterarbeit den Titel “Implementierungsmöglichkeiten einer WTO-Sozialklausel am Beispiel der Bekleidungsindustrie”.

Seit vielen Jahren konsumiere ich lieber Bio-Fair statt konventionell und seit mehr als drei Jahren verdiene ich mein Geld durch den Handel mit “Ethical Fashion”.

In letzter Zeit begegnen mir immer mehr Leute, die das Spannungsverhältnis zwischen “strategischem Konsum” und “politischem Engagement” beschäftigt. Der zunehmende kommerzielle Erfolg von Bio- und Fair gehandelten Produkten so wie die Diskussion um so genannte “LOHAS” als Zielgruppe für Marketingstrategien macht eine gesellschaftliche und politische Verortung der Phänomene immer interessanter.

Aus meiner Sicht ist “strategischer Konsum” ohne “politische Forderungen” nicht wirklich denkbar. Der “strategische Konsum” kommt nicht ohne die massive Aufklärungs- und Informationsarbeit von politischen AktivistInnen aus. Gleichzeitig ist er selbst ein “Best-Practice-Beispiel”, mit dessen Hilfe politische Forderungen nach einer Verbesserung von Umwelt- und Sozialstandards als machbar erscheinen. Der Kauf und die Produktion „Ethical Fashion“ bietet eine konkrete Handlungsoption, anhand derer gezeigt werden kann, dass ethisches Handeln keineswegs unwirtschaftlich ist. Zugleich bietet sich auch politischen Leuten die Möglichkeit halbwegs anständige Klamotten kaufen.

Für mich sind beide Herangehensweisen zwei Taktiken im selben Kampf. Ich finde das durchaus vergleichbar mit dem Verhältnis von Ökostromanbietern zur Anti-Atom-Bewegung.

Ich selbst bin – glaube ich – ein ganz gutes Beispiel für diese These. In meiner Magisterarbeit hatte ich den Aspekt “fairer Handel” kaum berücksichtigt, da er eine absolute Nische darstellte, die seitdem minimal gewachsen ist. Auch politisch hatte ich mich nie explizit für den fairen Handel stark gemacht. Kurz bevor ich anfing, meine Magisterarbeit zu schreiben, ergab sich durch einen Ex-Mitbewohner die Möglichkeit an einer Wander- bzw. Schulausstellung zum Thema ausbeuterische Arbeit in der Sportswearindustrie mitzuarbeiten. Da beide Themen sehr gut zusammen passten nutzte ich die Chance, ein fast einjähriges Teilzeit-Praktikum bei einer kleinen NGO zu machen. Schließlich ist aus der Kombination von Magisterarbeit und Ausstellung das Projekt “FairWear” entstanden, welches heute “zündstoff” heißt. Dies hatte folgende Gründe:

Erstens hatte ich nach intensiver inhaltlicher Auseinandersetzung keinen Bock mehr auf “konventionelle” Klamotten. Leider fehlte mir eine Alternative, bei der ich bereit war diese anzuziehen. Schließlich bin ich ja Teil der Nike-Generation und kannte bis dato nur Hess Natur und LamuLamu. Von z.B. Kuyichi hatte ich damals noch nie etwas gehört.

Zweitens fehlten uns für die Ausstellung Positivbeispiele. Was sollten wir denn den 16-jährigen erzählen? “Nike ist blöd, aber was besseres können wir auch nicht anbieten?”

Doch auch nachdem wir mittlerweile von unserem Business leben können und die Marktnische „Ethical Fashion“ weiterhin wächst, ist das Ende der Fahnenstange keineswegs erreicht. Insgesamt hat sich an den Arbeitsbedingungen der meisten ProduzentInnen nichts verbessert. Die „Discounterisierung“ der Textilindustrie schreitet immer weiter voran. Daher finanzieren wir Bildungsveranstaltungen mit dem Budget unseres Ladens und nehmen an Podiumsdiskussionen teil. Ich selbst mache konsumkritische Stattführungen, Schulprojekttage, fahre auf Treffen der CCC, arbeite in der Zeitschriften-Redaktion der “iz3w”, und so weiter. Je mehr sich der – für’s überleben notwendige – Arbeitsaufwand einer 30-40 Stunden-Woche nähert, desto mehr engagiere ich mich auch wieder politisch. Von der Bewegung ins Business zurück in die Bewegung…

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Von der Politik zur Ökonomie…

Auch theoretisch führt die Trennung von Politik, Gesellschaft und Ökonomie für mich zu keinem befriedigenden Ergebnis. Schließlich entstehen viele Probleme, zu denen wir mit zündstoff eine Alternative anbieten wollen. Vor allem die ökonomische Globalisierung bzw. das aktuelle Freihandelsregime haben dafür gesorgt, dass Kleidung nicht mehr in Europa sondern in Schwellen- und Entwicklungsländern produziert wird. Nicht nur historische Gründe (z.B. (Post-)Kolonialismus), sondern aktuelle wirtschaftliche Regulierungen sind entscheidend dafür, dass viele KK-BloggerInnen kostengünstig in Indien produzieren lassen können. All diese Gründe sind keineswegs “natürlich gegeben” sondern in erster Linie politisch erzeugt.

Erstens sind die Transportkosten gering. Die Gründe dafür liegen meines Erachtens in der niedrigen Bezahlung der Seeleute und im immer noch zu niedrigen Preis für fossile Treibstoffe. Der Rohölpreis ist so niedrig, weil die globale Wirtschaft von Handel und Austausch geprägt ist und ein höherer Preis das Wachstum hemmt.

Zweitens hat Indien eine lange Tradition des Baumwollanbaus und der Baumwollverarbeitung. Das haben auch die englischen Kolonialherren schon früh ausgenutzt und in ihre Handelsstrukturen integriert. Bereits in der ersten Phase kapitalistischer Akkumulation wurde Indien zum Baumwollexporteur.

Drittens existiert ein kapitalistisches Freihandelsregime, dass auf dem Prinzip der “komparativen Kostenvorteile” beruht. Die Sozialstandards in Indien sind so gering, dass selbst Arbeitsbedingungen, die gerade mal die grundsätzlichen Menschenrechte gewährleisten, vergleichsweise gut erscheinen. Ähnlich sieht es bei den Umweltstandards aus. Aufgrund solcher “Kostenvorteile” hat sich die Produktion von Industriegütern vor allem in den letzten drei bis vier Jahrzehnten immer weiter aus den Industriestaaten in andere Regionen verlagert. Dabei hat es eine wechselseitige Entwicklung gegeben, die insgesamt den Kapitalinteressen dient. Minimale Löhne und Rohstoffpreise, die aus niedrigen Sozial- und Umweltstandards resultieren, führen dazu, dass selbst hochwertige Güter wie Notebooks vergleichsweise billig produziert werden können. Dies ermöglicht eine Abwärtsspirale bei den Reallöhnen, da ja nun mit weniger Geld weiterhin viel konsumiert werden kann. Gleichzeitig erzeugen die Exportindustrien Wachstum in den Ländern, die diese Konsumgüter produzieren. Die Eliten dieser Länder gewinnen an ökonomischer Macht und treiben die Öffnung der Märkte voran. Im Gegenzug werden auch die Kapital- und Dienstleistungsmärkte liberalisiert. Der komplette Mechanismus dient in erster Linie dazu “Wachstum” zu erzeugen, also die Renditeinteressen der Kapitalmärkte zu befriedigen. Natürlich mit dem Nebeneffekt, dass nicht nur wir sondern auch z.B. die IndustriearbeiterInnen in China mehr konsumieren können und das Gefühl haben, dass ihr “Wohlstand” wächst.

Genau hier knüpft “Ethical Fashion” an. Durch fairen Handel und die Verwendung von Biobaumwolle kommen Produkte auf einen Markt, der in erster Linie kapitalistischen Strukturen unterliegt. Gleichzeitig werden Projekte unterstützt, die aufgrund hoher Sozial- und Umweltstandards begrüßenswert sind. Heruntergebrochen auf eine solche Ebene ist es ziemlich egal, ob in Deutschland, Nicaragua oder Indien produziert wird. Es geht immer um eine Nische, die einen “verbesserten” Kapitalismus zum Ziel hat. Davon ausgehend, dass der Kapitalismus nicht in ein paar Jahren überwunden sein wird, ist die Verbesserung konkreter Lebensverhältnisse ein wichtiges und legitimes Engagement.

Doch selbst wenn tatsächlich 30% der KonsumentInnen in den Industriestaaten LOHAS wären und Öko-Klamotten kaufen würden, wären immer noch 70% der Kleidung aus völlig inakzeptablen Produktionsverhältnissen. Für eine grundlegende Veränderung reicht die Marktnische nicht aus.


…und zurück zur Politik

Langfristig schaffen lediglich politische Lösungen eine echte Alternative. Nur mit Hilfe einer politischen Regulierung werden wir es schaffen die Abwärtsspirale aus Armut, Ausbeutung und Umweltzerstörung aufzuhalten bzw. umzukehren.

Zum Beispiel könnte die Belohnung ethischen Wirtschaftens bzw. eine Bestrafung unethischen Wirtschaftens massive Veränderungen provozieren. Wieso werden nicht einfach die Importzölle auf Bioklamotten abgeschafft und die für konventionelle Waren erhöht? Das wären bei einem Großteil der Kleidung 14%. Wenn im Gegenzug die Zölle auf Kleidung aus konventioneller Baumwolle angehoben würde, gäb es einen massiven Kaufanreiz für Bio-Baumwolle. Im Bereich Sozialstandards passiert aber seit Jahren das Gegenteil: Die miesesten Arbeitsbedingungen finden sich in aller Regel in den “Freihandelszonen (FTZ)”. Diese genießen jedoch Zollvorteile.

Spannende Ausnahme: Die nicaraguanische ArbeiterInnen-Kooperative aus der wir T-Shirts importieren ist ebenfalls eine FTZ. Die einzige in ArbeiterInnenhand. Dadurch können wir die Shirts trotz demokratischer Selbstverwaltung und guten Sozialstandards in der Koop günstiger ein- und verkaufen.

Doch nicht nur kleine Pilotprojekte könnten politisch gefördert werden. Auch die Arbeitskämpfe von chinesischen TextilarbeiterInnen verdienen unsere Aufmerksamkeit. Gerade in China lösen massive Umwälzungen Proteste aus. Eine enge Zusammenarbeit, wie sie zum Beispiel die “Kampagne für saubere Kleidung” betreibt könnte vielen Menschen helfen ihre Interessen selbst durchzusetzen.

Auch das Konzept ökologische und soziale Kosten in die Kalkulation von Preisen einzubeziehen und nicht die Allgemeinheit für Umweltzerstörung oder ausbeuterische Arbeitsverhältnisse zahlen zu lassen ist ja nicht besonders neu.

Die politischen Lösungen sind ebenso zahlreich wie die Missstände. IWF, Weltbank, WTO, Schuldenfalle, Sweatshops – das alles existiert bereits. Das ist schlimm, und es ist wichtig auch politischen Druck aufzubauen. Funktionierende Alternativen und politische Proteste sind kein Widerspruch sondern ergänzen sich gegenseitig. Wir können das Rad nicht zurückdrehen. Aber weiter – um es in eine Richtung lenken, die wir (mit-)bestimmen. Gemeinsam politische Forderungen zu diskutieren und in die Öffentlichkeit zu tragen ist schwieriger als einfach im Internet Klamotten zu verkaufen. Aber für weitreichende Veränderungen ist es unerlässlich.


von Sascha Klemz