Vom strategischen Konsum zur Weltrevolution?
Von zündstoff am 01. Dez. 2009
Zurzeit finden sowohl in Kirsten Broddes Blog “Grüne Mode” als auch auf “Korrekte Klamotten” eine ähnliche Diskussion statt. In diesen geht es um die Interventionsmöglichkeiten einer Verbesserung der weltweiten Umwelt- und Sozialstandards. Was kann der so genannte “strategische Konsum”? Wo sind seine Grenzen? Wie wichtig ist ist eine politische Intervention? Welche konkreten politischen Forderungen könnten dazu dienen die Rechte von (Textil-)ArbeiterInnen zu stärken?
All diese Fragen begleiten mich seit mehreren Jahren. Bereits am Anfang meines Studiums habe ich begonnen mich mit den Strukturen der globalen Ökonomie zu beschäftigen. Nicht zuletzt trug schon meine 2004 geschriebene Magisterarbeit den Titel “Implementierungsmöglichkeiten einer WTO-Sozialklausel am Beispiel der Bekleidungsindustrie”.
Seit vielen Jahren konsumiere ich lieber Bio-Fair statt konventionell und seit mehr als drei Jahren verdiene ich mein Geld durch den Handel mit “Ethical Fashion”.
In letzter Zeit begegnen mir immer mehr Leute, die das Spannungsverhältnis zwischen “strategischem Konsum” und “politischem Engagement” beschäftigt. Der zunehmende kommerzielle Erfolg von Bio- und Fair gehandelten Produkten so wie die Diskussion um so genannte “LOHAS” als Zielgruppe für Marketingstrategien macht eine gesellschaftliche und politische Verortung der Phänomene immer interessanter.
Aus meiner Sicht ist “strategischer Konsum” ohne “politische Forderungen” nicht wirklich denkbar. Der “strategische Konsum” kommt nicht ohne die massive Aufklärungs- und Informationsarbeit von politischen AktivistInnen aus. Gleichzeitig ist er selbst ein “Best-Practice-Beispiel”, mit dessen Hilfe politische Forderungen nach einer Verbesserung von Umwelt- und Sozialstandards als machbar erscheinen. Der Kauf und die Produktion „Ethical Fashion“ bietet eine konkrete Handlungsoption, anhand derer gezeigt werden kann, dass ethisches Handeln keineswegs unwirtschaftlich ist. Zugleich bietet sich auch politischen Leuten die Möglichkeit halbwegs anständige Klamotten kaufen.
Für mich sind beide Herangehensweisen zwei Taktiken im selben Kampf. Ich finde das durchaus vergleichbar mit dem Verhältnis von Ökostromanbietern zur Anti-Atom-Bewegung.
Ich selbst bin – glaube ich – ein ganz gutes Beispiel für diese These. In meiner Magisterarbeit hatte ich den Aspekt “fairer Handel” kaum berücksichtigt, da er eine absolute Nische darstellte, die seitdem minimal gewachsen ist. Auch politisch hatte ich mich nie explizit für den fairen Handel stark gemacht. Kurz bevor ich anfing, meine Magisterarbeit zu schreiben, ergab sich durch einen Ex-Mitbewohner die Möglichkeit an einer Wander- bzw. Schulausstellung zum Thema ausbeuterische Arbeit in der Sportswearindustrie mitzuarbeiten. Da beide Themen sehr gut zusammen passten nutzte ich die Chance, ein fast einjähriges Teilzeit-Praktikum bei einer kleinen NGO zu machen. Schließlich ist aus der Kombination von Magisterarbeit und Ausstellung das Projekt “FairWear” entstanden, welches heute “zündstoff” heißt. Dies hatte folgende Gründe:
Erstens hatte ich nach intensiver inhaltlicher Auseinandersetzung keinen Bock mehr auf “konventionelle” Klamotten. Leider fehlte mir eine Alternative, bei der ich bereit war diese anzuziehen. Schließlich bin ich ja Teil der Nike-Generation und kannte bis dato nur Hess Natur und LamuLamu. Von z.B. Kuyichi hatte ich damals noch nie etwas gehört.
Zweitens fehlten uns für die Ausstellung Positivbeispiele. Was sollten wir denn den 16-jährigen erzählen? “Nike ist blöd, aber was besseres können wir auch nicht anbieten?”
Doch auch nachdem wir mittlerweile von unserem Business leben können und die Marktnische „Ethical Fashion“ weiterhin wächst, ist das Ende der Fahnenstange keineswegs erreicht. Insgesamt hat sich an den Arbeitsbedingungen der meisten ProduzentInnen nichts verbessert. Die „Discounterisierung“ der Textilindustrie schreitet immer weiter voran. Daher finanzieren wir Bildungsveranstaltungen mit dem Budget unseres Ladens und nehmen an Podiumsdiskussionen teil. Ich selbst mache konsumkritische Stattführungen, Schulprojekttage, fahre auf Treffen der CCC, arbeite in der Zeitschriften-Redaktion der “iz3w”, und so weiter. Je mehr sich der – für’s überleben notwendige – Arbeitsaufwand einer 30-40 Stunden-Woche nähert, desto mehr engagiere ich mich auch wieder politisch. Von der Bewegung ins Business zurück in die Bewegung…

Von der Politik zur Ökonomie…
Auch theoretisch führt die Trennung von Politik, Gesellschaft und Ökonomie für mich zu keinem befriedigenden Ergebnis. Schließlich entstehen viele Probleme, zu denen wir mit zündstoff eine Alternative anbieten wollen. Vor allem die ökonomische Globalisierung bzw. das aktuelle Freihandelsregime haben dafür gesorgt, dass Kleidung nicht mehr in Europa sondern in Schwellen- und Entwicklungsländern produziert wird. Nicht nur historische Gründe (z.B. (Post-)Kolonialismus), sondern aktuelle wirtschaftliche Regulierungen sind entscheidend dafür, dass viele KK-BloggerInnen kostengünstig in Indien produzieren lassen können. All diese Gründe sind keineswegs “natürlich gegeben” sondern in erster Linie politisch erzeugt.
Erstens sind die Transportkosten gering. Die Gründe dafür liegen meines Erachtens in der niedrigen Bezahlung der Seeleute und im immer noch zu niedrigen Preis für fossile Treibstoffe. Der Rohölpreis ist so niedrig, weil die globale Wirtschaft von Handel und Austausch geprägt ist und ein höherer Preis das Wachstum hemmt.
Zweitens hat Indien eine lange Tradition des Baumwollanbaus und der Baumwollverarbeitung. Das haben auch die englischen Kolonialherren schon früh ausgenutzt und in ihre Handelsstrukturen integriert. Bereits in der ersten Phase kapitalistischer Akkumulation wurde Indien zum Baumwollexporteur.
Drittens existiert ein kapitalistisches Freihandelsregime, dass auf dem Prinzip der “komparativen Kostenvorteile” beruht. Die Sozialstandards in Indien sind so gering, dass selbst Arbeitsbedingungen, die gerade mal die grundsätzlichen Menschenrechte gewährleisten, vergleichsweise gut erscheinen. Ähnlich sieht es bei den Umweltstandards aus. Aufgrund solcher “Kostenvorteile” hat sich die Produktion von Industriegütern vor allem in den letzten drei bis vier Jahrzehnten immer weiter aus den Industriestaaten in andere Regionen verlagert. Dabei hat es eine wechselseitige Entwicklung gegeben, die insgesamt den Kapitalinteressen dient. Minimale Löhne und Rohstoffpreise, die aus niedrigen Sozial- und Umweltstandards resultieren, führen dazu, dass selbst hochwertige Güter wie Notebooks vergleichsweise billig produziert werden können. Dies ermöglicht eine Abwärtsspirale bei den Reallöhnen, da ja nun mit weniger Geld weiterhin viel konsumiert werden kann. Gleichzeitig erzeugen die Exportindustrien Wachstum in den Ländern, die diese Konsumgüter produzieren. Die Eliten dieser Länder gewinnen an ökonomischer Macht und treiben die Öffnung der Märkte voran. Im Gegenzug werden auch die Kapital- und Dienstleistungsmärkte liberalisiert. Der komplette Mechanismus dient in erster Linie dazu “Wachstum” zu erzeugen, also die Renditeinteressen der Kapitalmärkte zu befriedigen. Natürlich mit dem Nebeneffekt, dass nicht nur wir sondern auch z.B. die IndustriearbeiterInnen in China mehr konsumieren können und das Gefühl haben, dass ihr “Wohlstand” wächst.
Genau hier knüpft “Ethical Fashion” an. Durch fairen Handel und die Verwendung von Biobaumwolle kommen Produkte auf einen Markt, der in erster Linie kapitalistischen Strukturen unterliegt. Gleichzeitig werden Projekte unterstützt, die aufgrund hoher Sozial- und Umweltstandards begrüßenswert sind. Heruntergebrochen auf eine solche Ebene ist es ziemlich egal, ob in Deutschland, Nicaragua oder Indien produziert wird. Es geht immer um eine Nische, die einen “verbesserten” Kapitalismus zum Ziel hat. Davon ausgehend, dass der Kapitalismus nicht in ein paar Jahren überwunden sein wird, ist die Verbesserung konkreter Lebensverhältnisse ein wichtiges und legitimes Engagement.
Doch selbst wenn tatsächlich 30% der KonsumentInnen in den Industriestaaten LOHAS wären und Öko-Klamotten kaufen würden, wären immer noch 70% der Kleidung aus völlig inakzeptablen Produktionsverhältnissen. Für eine grundlegende Veränderung reicht die Marktnische nicht aus.
…und zurück zur Politik
Langfristig schaffen lediglich politische Lösungen eine echte Alternative. Nur mit Hilfe einer politischen Regulierung werden wir es schaffen die Abwärtsspirale aus Armut, Ausbeutung und Umweltzerstörung aufzuhalten bzw. umzukehren.
Zum Beispiel könnte die Belohnung ethischen Wirtschaftens bzw. eine Bestrafung unethischen Wirtschaftens massive Veränderungen provozieren. Wieso werden nicht einfach die Importzölle auf Bioklamotten abgeschafft und die für konventionelle Waren erhöht? Das wären bei einem Großteil der Kleidung 14%. Wenn im Gegenzug die Zölle auf Kleidung aus konventioneller Baumwolle angehoben würde, gäb es einen massiven Kaufanreiz für Bio-Baumwolle. Im Bereich Sozialstandards passiert aber seit Jahren das Gegenteil: Die miesesten Arbeitsbedingungen finden sich in aller Regel in den “Freihandelszonen (FTZ)”. Diese genießen jedoch Zollvorteile.
Spannende Ausnahme: Die nicaraguanische ArbeiterInnen-Kooperative aus der wir T-Shirts importieren ist ebenfalls eine FTZ. Die einzige in ArbeiterInnenhand. Dadurch können wir die Shirts trotz demokratischer Selbstverwaltung und guten Sozialstandards in der Koop günstiger ein- und verkaufen.
Doch nicht nur kleine Pilotprojekte könnten politisch gefördert werden. Auch die Arbeitskämpfe von chinesischen TextilarbeiterInnen verdienen unsere Aufmerksamkeit. Gerade in China lösen massive Umwälzungen Proteste aus. Eine enge Zusammenarbeit, wie sie zum Beispiel die “Kampagne für saubere Kleidung” betreibt könnte vielen Menschen helfen ihre Interessen selbst durchzusetzen.
Auch das Konzept ökologische und soziale Kosten in die Kalkulation von Preisen einzubeziehen und nicht die Allgemeinheit für Umweltzerstörung oder ausbeuterische Arbeitsverhältnisse zahlen zu lassen ist ja nicht besonders neu.
Die politischen Lösungen sind ebenso zahlreich wie die Missstände. IWF, Weltbank, WTO, Schuldenfalle, Sweatshops – das alles existiert bereits. Das ist schlimm, und es ist wichtig auch politischen Druck aufzubauen. Funktionierende Alternativen und politische Proteste sind kein Widerspruch sondern ergänzen sich gegenseitig. Wir können das Rad nicht zurückdrehen. Aber weiter – um es in eine Richtung lenken, die wir (mit-)bestimmen. Gemeinsam politische Forderungen zu diskutieren und in die Öffentlichkeit zu tragen ist schwieriger als einfach im Internet Klamotten zu verkaufen. Aber für weitreichende Veränderungen ist es unerlässlich.
von Sascha Klemz








14 Kommentare
Bekleidungssyndikat
Toller Text – stimme ich fast komplett mit überein, nur mein Hintergrund und Werdegang ist – Überaschung – halt ein anderer.
Cheers
Ing.
Dezember 2nd, 2009 um 11:30
Ben@Lebenskleidung
Hallo Sascha,
stimme mit meinem Vorredner überein. Super Text. Genau das wird ja den LOHAS immer vorgeworfen, eben einfach nur zu konsumieren und sich nicht zu engagieren. Ich halte es für ein Klischee, dass die so geschmähte Prenzlauer Berg-Bionade-Bourgeoisie wirklich denken würde, mit strategischem Konsum allein wäre es getan. Denn wenn man sich dafür entscheidet, nicht mehr einzig den konventionell hergestellten Schei** zu kaufen, hat doch schon ein Beuwsstseinsprozess eingesetzt. Und genau darüber wird eben auch gerade diskutiert. Deshalb finde ich z.B. Kathrin Hartmanns neues Buch “Ende der Märchenstunde” zwar anregend aber viel zu polemisch.
Zum Thema Sozialstandards habe ich kürzlich bei uns auch gebloggt und auf die zwar schon etwas ältere aber gute Studie der Friedrich Ebert Stiftung mit dem knackigen :) Namen: “Soziale Konditionalisierung des Welthandels.
Die Instrumente Sozialklausel, Verhaltenskodex und Gütesiegel in der Diskussion”" (http://library.fes.de/fulltext/iez/00647002.htm#LOCE9E3) verwiesen. Lesen lohnt sich. Und in die Gewerkschaft eintreten und mitmischen auch :)
Dezember 2nd, 2009 um 17:47
mathias
Sehr schön differenziert! Schliesse mich dem weitgehend an.
Dezember 3rd, 2009 um 12:04
Markus
“Prenzlauer Berg-Bionade-Bourgeoisie” haha sehr geil :)
Dezember 3rd, 2009 um 12:14
Batata
Der Text bringt es auf den Punkt.
Gruß aus Prenzlauer Berg! ;-)
Dezember 3rd, 2009 um 14:02
Björn Hens
Ich schließe mich an. Schöner Text. Allerdings gibt es gegen Schluss einen Haken. Ich versuche mal eine Abriß. Denn alles ist viel komplexer, als es sich hier darstellen lässt. ;) Die Forderung, dass die Politik sich ändert und z.B. faire Produkte begünstigt, ist wünschenswert. Allerdings steckt hinter der Politik die Macht des Geldes z.B. in Form der großen Lobbys. Nehmen wir z.B. das Tempolimit auf der Autobahn: 80% der Deutschen würde es begrüßen. Nur leider nicht diejenigen, von deren Geld unser Land abhängig ist. Und da wir das Geld brauchen, haben wir gar keine andere Wahl, als mitzuspielen. Und da kommt das Geldsystem ins Spiel. Die Machtverhältnisse werden sich verschlimmern, was alleine durch den Zinseszins-Effekt geschieht. Alleine dadurch werden täglich Millionen von unten nach oben verteilt und somit die Macht derer, die alles andere als eine faire Gesellschaft wollen, gestärkt. Wie schaffen wir es also, die Macht, also das Geld, neu zu verteilen? So endet das Ganze in einer Sackgasse. (spannend dazu Prof. Bernd Senf)
Das Thema hat noch nicht groß Einzug gehalten in die Diskussionen. Verständlich, weil es auch super abstrakt ist. Als ich meine Diplomarbeit geschrieben habe, die eigentlich den Kapitalismus als Grundübel ausmachen wollte, musste ich feststellen, dass es ein vorgelagertes Problem gibt, nämlich unser Geldsystem. Ich und mein Diplom-Kollege haben Nächte damit zugebracht, es zu verstehen, konnten aber nur ansatzweise Klarheit für uns schaffen. Fakt ist, dass nur 15% der Bevölkerung vom Zinssystem profitieren, während 85% die Verlierer sind. Da muss es doch was besseres geben!? ;)
Vor wenigen Monaten war das Treffen von Götz Werner, dem Dalai Lama, noch einem Klimexperten UND einem Geldsystemkritiker. Ich hege also die Hoffnung, dass das Thema noch publiker wird. :)
Dezember 3rd, 2009 um 14:26
Ingmar
@Björn
Eigentlich ist “das Geld” und “der Zins” nicht das Problem, sondern wie es so schön heißt: Das Eigentum. Geld ist ja im Kapitalimus auch nur eine Art von Ware bei dem die Zinsen eine indirekte Ausbeutung des Mehrwerts darstellen. Jetzt so komplett vereinfacht gesagt.
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Das Problem ist halt die einen sind EigentümerInnen des Kapitals (Produtktionsmittel, Geld, Land usw.) und die anderen haben halt nix, außer ihrer Arbeitskraft. Und die Option Schulden zu machen, heißt damit ja auch nur wieder “für eine andere Person Mehrwert erwirtschaften” – dem/der GeldverleiherIn, der die Zinsen bezahlt werden, z.B. von dem was an einbehaltenen Mehrwert dem Chef in Arbeitskämpfen abgetrotzt wurde.
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Das zweite Problem ist, dass der olle Kalle Chemnitz extrem kompliziert geschrieben (G=W und W – G – W’ oder G – W -G’ oder so) hat, da wird dann schnell das eigentliche Probelm aus den Augen verloren, weils unverständlich udn total Abstrakt wird: Wem gehört denn eigentlich “das Geld” und wem nicht und warum ist das so…
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Zinsen sind da nur ein Teil des Problem, aber ein sehr perfides, weil es die Ausbeutung von direkt (der Chef, der an mir verdient) zu indirekt (die Gläubigerin, die an mir verdient) zu komplett obskur (die Bank, die zum Teil über Aktien meinem Chef und noch x anderen Leuten gehört) verschleiert. Dazu kommt dann noch, dass Geld keine echte Ware ist, weil es eigentlich keinen “Gebrauchswert” hat (halt nur, weil damit Waren gekauft werden können), aber da wirds dann total komplex (aber nicht wirklich schwierig…)
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Lange Rede kurzer Sinn: Am Ende gehts doch nur darum wer die Verfügungsgewalt über etwas besitzt und diese durchsetzt.
Dezember 3rd, 2009 um 17:08
Björn Hens
Ich stimme dir absolut zu, dass vor dem Geld und der einhergehenden Zinsproblematik noch das Eigentum steht. Das ist wohl die Basis. Das Geld an sich ist auch nicht das Problem. Nur das auf Zinsen beruhende Geldsystem, mit dem wir arbeiten. Der Zins trägt dazu bei, dass wer Eigentum hat, noch mehr Eigentum anhäufen kann ohne etwas dafür tun zu müssen, weil er die anderen, die eben kein Eigentum haben, für sich arbeiten lassen kann. DIese haben keine andere Wahl, weil sie ja von EIgentümern abhängig sind. Spannend am Zinssystem ist auch folgendes: Derjenige, der Geld hat, kann es dadurch, dass er es zurück hält (hortet), wertvoller machen, da er damit zur Verknappung des Geldes auf dem Markt beiträgt. Und was knapp ist, steigt im Wert. Folge sind erhöhte Zinsen, um es dem Kapitalinhaber verlockend zu machen, das Geld wieder rauszurücken. Verrücktes System. :)
Dezember 4th, 2009 um 13:36
M.
Warum schreibe ich hier eigentlich noch? Wollte ich mir das nicht abgewöhnen? Und bis auf Batata wieder nur Männer, oder? :) Anyway, jetzt ich endlich auch mal die Zeit gefunden, das lange Ding hier zu lesen, dann sollen’s ja auch alle wissen :)
Auch von meiner Seite ein Kompliment an Sascha, eine gelungene Analyse.
Besonders zentral finde ich “Es geht immer um eine Nische, die einen “verbesserten” Kapitalismus zum Ziel hat.” Genau meine Meinung.
An den Willen zur “politischen Regulierung” glaube ich aber nicht – weil die politischen Eliten, die dumme breite Masse und wahrscheinlich auch eine überwiegende Mehrheit der Konsumenten in der eco-fair Nische grundsätzlich hinter dem System Kapitalismus stehen (womöglich aus Mangel an Alternativen, Wille und/oder Fantasie). War das System jemals gefestiger als heute, wenn es eine Krise wie die aktuelle übersteht, ohne das Grundsatzfragen gestellt werden?
Und gerade die Nischen-Konsumenten werden ja gewissermaßen innerhalb des Systems befriedigt, d.h. sie machen sich die Finger nicht mehr schmutzig.
Ich habe aber auch ein grundsätzliches Problem mit den Diskussionen, die sich an diesen Stellen immer wieder entwickeln. Ich versuche das jetzt mal auf den Punkt zu bringen und schaffe es dann ja vielleicht wirklich, zukünftig die Schnauze zu halten.
Die “bessere Welt”-Diskussion, wie ich das mal nennen möchte, wird meiner Meinung nach meist total verkürzt betrieben. Und gerade im Internet ist das megaanstrengend.
Ich glaube, der Kapitalismus beginnt nicht mit dem Zins (und sorry, ich kann mir nicht helfen, das hat für mich immer einen antisemitischen Unterton), schon eher Eigentum und Mehrwert, wahrscheinlich aber mit dem Menschen, der ihn mit Leben füllt und sich in seine Rolle fügt (und hey, am Ende geht’s doch hoffentlich um den Menschen, oder?). Wenn ich schon über nicht-kapitalistische Ökonomien nachdenke, dann kann ich Analyse und Utopie auch zu Ende denken bzw. auf die Spitze treiben, oder?
Und vor allem: Die Wirtschaft ist eben auch nur ein Baustein. Politisches System, Nationalismus, Rassismus, Religionen, Geschlechterrollen, Tierrechte … kommen dazu und stehen in vielerlei Hinsicht in Beziehung zueinander.
Für mich (und meine Firma ) gilt deshalb, was Sascha wie folgt beschreibt: “Davon ausgehend, dass der Kapitalismus nicht in ein paar Jahren überwunden sein wird, ist die Verbesserung konkreter Lebensverhältnisse ein wichtiges und legitimes Engagement.” Zumal ich mit einer Firma nicht gerade an der Überwindung des Kapitalismus arbeite :) (womöglich stärke ich ihn sogar, weil ich die Nischen-Konsumenten bediene und beruhige).
Soweit, so schlecht. Klar habe ich mich jetzt auch verkürzt ausgedrückt, ist ja schon genug Text. Aber vielleicht kommt ja ansatzweise rüber, was ich sagen möchte.
Schönes Wochenende, der M.
Dezember 5th, 2009 um 16:42
Björn Hens
Kam nicht nur im Ansatz rüber. :) Wäre doch schade, wenn du dir das Schreiben in Zukunft verkneifst! :)
Allerdings: Genauso wenig wie Kapitalismuskritik immer kommunistisch ist, ist Zinskritik immer antisemitisch! ;) Für eine offene Diskussion sind diese “No-Go´s” absolut tötlich! Und natürlich beginnt der Kapitalismus nicht mit dem Zins. Allerdings stellt er ein Problem im Geldsystem dar, dass man nicht leugnen kann und unweigerlich zur beschleunigten Umverteilung von unten nach oben und zu immer wiederkehrenden Crash´s führt, da durch den Zins die Geldmenge ins unermessliche steigt und das durchschnittliche Wirtschaftswachstum von 2% da nicht mithalten kann. Daraus folgt, dass es im Jahre 2000 ca. 18-mal so viel Geld wie Güter auf der Welt gab. Eine Folge: Der Geldwert bricht zusammen.
Wie gesagt, nicht das einzige Problem der Welt. Aber das macht es nicht besser. ;)
>>> http://www.helmut-creutz.de/
——–
“Für mich als Mathematiker waren die Analysen von Helmut Creutz eine Herausforderung – und sie haben mich überzeugt! Ich bewundere ihn, dass er nie die Hoffnung aufgegeben hat, dass sich das Wissen zum Thema Zins und Verschuldung irgendwann einmal durchsetzen wird, und ich hoffe, dass dieses Wissen bald die Fünfprozent-Wissenshürde überschreitet, damit die notwendigen Änderungen passieren können, bevor unser Geldsystem zusammenbricht.“
Prof. Winfried Radtke, Mathematiker, München
——–
“Herr Creutz hat sich in seinen Publikationen sehr verdient gemacht um die Frage der Zinsbelastung in der Wertschöpfung und der damit verbundenen Umverteilung zwischen Arm und Reich. Seine Vorträge hinterlassen ein merkwürdiges Gefühl der Betroffenheit und eine Ahnung von der Richtigkeit seiner Überlegungen. Auch seine Anmerkungen zur Geldschöpfung und zur Nichtneutralität des Geldes verdienen beachtet zu werden. Er ist ein unermüdlicher Kämpfer in dieser Sache und macht durch seine Ansichten auf ein in der Nationalökonomie kaum beachtetes Problem der Geldverfassung aufmerksam. Dafür gebührt ihm Anerkennung und Auszeichnung.“
Prof. Dr. Raimund Schweighoffer, Wirtschaftswissenschaftler, FH Kempten
———–
“Helmut Creutz versteht es in einzigartiger Weise, die zerstörerischen Systemfehler unseres Geldes anschaulich zu machen, die eine der Hauptursachen für die hohe Arbeitslosigkeit sind. Bewundernswert sind sein unermüdlicher Einsatz und seine Bereitschaft, auf Rückfragen einzugehen.“
Prof. em. Dr. theol. Peter Knauer SJ, Bruxelles/B
Dezember 6th, 2009 um 17:20
zuendstoff
Vielen Dank für die ganzen Kommentare!
@Marco & Björn: Ich stimme voll mit Euch überein, dass die herrschende Klasse keinen Bock auf Veränderung hat. Aber deswegen sind wir ja nicht ohnmächtig und müssen wir weiter kämpfen. Denn Macht beruht ja nicht allein auf Geld & Besitz, sondern auf vielen anderen Faktoren. Genau wie du ja auch sagst Marco: Unter anderem auf der Fügsamkeit und Bequemlichkeit der Leute.
@ Marco: du schreibst: “Wenn ich schon über nicht-kapitalistische Ökonomien nachdenke, dann kann ich Analyse und Utopie auch zu Ende denken bzw. auf die Spitze treiben, oder?” <– Bezieht sich das auf meinen Artikel? Was meinst Du damit?
Natürlich arbeiten wir mit unseren Firmen nicht direkt an der Zersetzung des Kapitalismus. Aber für mich gibt es aber eh so gut wie niemanden mehr der außerhalb des Kapitalismus existiert. Die (R)Evolution muss da schon von Innen kommen. Ich finde es – zumindest im Bezug auf den Kapitalismus – ziemlich Scheißegal ob ich von meiner Firma oder von Hartz IV und im Bauwagen lebe.
Viel wichtiger ist doch die (reflektierte) konkrete Tat. Das Engagement selbst gesellschaftlich was zu ändern, antikapitalistische, antisexistische usw. Strukturen zu unterstützen.
Normalerweise stehe ich auch nicht auf diese Internetdiskussionen. Aber als Autor wollte ich einfach nochmal den letzten Senf dazugeben.
Übrigens wurde der Text immerhin von einer sehr fitten Freundin redigiert. Ist also zu mindestens 25% aus Frauenhand.
Dezember 7th, 2009 um 14:36
M.
Halllloooo :)
@ Björn: Bitte nicht Marx’ Kapitalismuskritik/-Analyse mit Kommunismus verwechseln. Ich bin nun wirklich kein Kommunist, kenne aber nun auch keine fundierte Kapitalismuskritik, die ohne KM auskommt. Man muss nicht das eine durch das andere diskreditieren.
@ Sascha: Nein, bezieht sich nicht auf Deinen Artikel, eher auf Björn bzw. solche Debatten im Allgemeinen. Was ich meine, ganz kurz (falls ich das rüberbringen kann): Ich bemühe mich, Utopie und Politik klar zu trennen. Meine Kapitalismuskritik bezieht sich in letzter Konsequenz nicht auf Eigentum und Mehrwert, sondern auf den tatsächlichen Willen und die Bedürfnisse des Menschen. Etwas, was in unserer Gesellschaft wahrscheinlich ziemlich tief verschüttet ist, auch bei kritischen Menschen (mich eingerechnet). Konkret gesagt: Ich glaub halt nicht, das der letzte Fabrik-Scheißjob cool wird, wenn den dort Arbeitenden die Fabrik gehört. Das ist zwar philosophische Hirnwichserei, aber wenn ich schon analysiere, dann eben bis zum Schluss. Die andere Seite ist Realpoltik, und da bin ich eben ein ziemlicher Schwarzseher (und Misanthrop). Ich glaube schon, dass man hier und da was besser machen kann (und deshalb ist es z.B. meine persönliche Konsequenz, dass die Shirts meiner Firma bio-fair sind), aber an eine grundlegende Veränderung (weder evo- noch revolutionär) glaube ich nicht. Dafür funktioniert das Grundgerüst Kapitalismus zu gut – und dafür ist die breite Masse zu dumm. Ich lasse mich aber gerne positiv überraschen :)
Dezember 8th, 2009 um 10:37
gluecksstoff
@ M.: Was die breite Masse und den fehlenden Willen oder fehlendes Verständnis dieser angeht, geb ich dir absolut recht. Das sind immer die Tatsachen, die einen gelegentlich resignieren lassen. :( Und natürlich weiß ich, dass du kein Kommunist bist und Kapitalismuskritik nicht kommunistisch sein muss!!! Da wurde meinerseits nichts verwechselt. Es wurde wohl nur deinerseits die innewohnende Ironie nicht verstanden! ;) Ich wollte lediglich darauf hinweisen, dass diese ständigen Hinweise auf “unterschwelligen Antisemitismus”, wenns um Zinskritik geht, oder “Nationalismus”, wenns um die Herstellung in Deutschland geht, absolut fehl am Platz sind. Eben genauso wie der Verdacht, jegliche Kapitalismuskritik wäre kommunistischer Natur! ;) Also sachlich bleiben und keine No-Go´s in die Diskussion einbringen! Das nervt. :) “Man muss das eine nicht durch das andere diskreditieren!”????? Genau darauf wollte ich dich hinweisen! ;)
PS: “Das Kapital” steht hier direkt neben mir! Und jetzt haltet euch fest: Ich bin dennoch (oder gerade deshalb?) KEIN Kommunist! ;)
PPS: Ohnmächtig? Manchmal. Sonst gerne kämpferisch! :)
Dezember 8th, 2009 um 12:34
Kirsten
@Sascha: Ich teile deine Vorstellungen, auch was politischen Aktivismus angeht. Aber ich hadere immer wieder mit den Aktionsformen, die von NGO´s gewählt werden. Zwar habe ich eine gewisse Beißhemmung das zuzuspitzen, aber eine Rundreise mit entlassenen Arbeiterinnen finde ich inzwischen etwas müde, obwohl ich weiß, dass es hier darum geht, diesen Menschen und ihrer Ausbeutung ein Gesicht und eine Stimme zu geben. Und warum dann nicht vor der Konzernzentrale des Unternehmens auftauchen, sondern in einem überfüllten Einkaufszentrum? Und wenn es um Unterwäsche geht wie jetzt bei Triumph fallen mir doch noch ein paar nacktere Sachen ein – manchmal denke ich, wir brauchen einen Frischekick, was unsere Aktionen angeht. Plus eine gute argumentative Unterfütterung. Triumph schiebt die Entlassungen auf die Wirtschaftskrise. Was sagt der Jahresbericht über Umsätze und Gewinne und Werbeausgaben? Vermutlich das Gegenteil.
Dezember 10th, 2009 um 10:31
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